Udo Klinger

Über Gänge und Bildungswege

Udo Klinger

Über Gänge kann man im Kontext von Schule vieles sagen. Sie sind oft lang und trist, vollgestopft mit lärmenden Lehrempfängern. Sie bieten Zugang zu Klassenräumen und anderen Lehrstuben, steuern Kinderströme und dienen so der Logistik. Oder denken wir an die Gängelung unserer Kinder in Bildungs-Gängen, Lehr-Gängen und Unterrichts-Gängen. Über-Gänge sind ein zentrales Merkmal unserer deutschen Bildungswege, die sich mehr oder weniger ausgetreten durch die Bildungslandschaft schlängeln. Lassen sie sich gar mit Grenzübergängen vergleichen, über die wir Länder mit anderen Kulturen, Verkehrsregeln und Währungen betreten? Finden wir uns dort zurecht? Beherrschen wir die neue Sprache? Mögen wir die anderen Leute?
Gehen wir noch einmal einen Schritt zurück. Übergänge sind so alt wie die Welt. Der erste erfolgte vom Chaos zur Ordnung, vom Nicht-Sein zum Sein. Den können wir klar zu den abrupten Übergängen zählen, dicht gefolgt vom Übergang vom Nicht-Lebenden zum Lebenden und zurück, Geburt und Tod. Der Zustand verändert sich jeweils dramatisch. Danach ist alles anders!
Aber es geht auch sanft! Sanfte Übergänge werden oft gar nicht als solche wahrgenommen. Ein Zustand verändert sich allmählich, kontinuierlich und kaum merklich. Nicht instantan, sondern über einen längeren Zeitraum. So, wie ein Kind heranwächst und sich entwickelt. Oder so, wie sich Bildung einstellt.
Auch die organisierte Bildung ist geprägt durch Übergänge! Nach dem ersten Schock ein neues Leben tritt in die Welt verlassen die Kleinen den Schoß der Familie, um in der KiTa eine zweite Heimat zu finden. Es folgen Grundschule, weiterführende Schule, Berufsausbildung oder Studium.
Ob sanft oder abrupt, ist durchaus unterschiedlich. Der Übergang von der Grundschule zur weiterführenden Schule ist eher schwierig. Hier enden mütterliches Umsorgtwerden und ein eher familiäres Miteinander. Danach ist nichts mehr so, wie es einmal war: Ort, Schulweg, Gebäude, Klasse, Fächer, Lehrkräfte
Der Übergang von der Oberstufe zum Studium wird dagegen immer sanfter. Bis zum Abitur ist das Lernen im Kurssystem organisiert, während die Hochschulen zunehmend verschulen. Der Übergang ins Berufsleben wiederum gleicht einem Eintritt in eine feindliche Welt. Urplötzlich gibt es echte Fragen, Probleme und Aufgaben,die Wohlfühlzone löst sich auf, Betütteltwerden war gestern! Die harte Wirklichkeit umfängt die Übergänger!
Wenden wir uns noch einmal kurz der Theorie des Übergangs zu. Zunächst wäre herauszuarbeiten, was den Übergang vom Untergang unterscheidet. In der Folge stünden zur Klärung an: Durchgang, Umgang, Abgang, Fortgang, Weggang u.a. In der schulischen Laufbahn treten diese „Gänge häufig in Kombination auf. So ist ein Übergang nicht selten mit einem Abgang verbunden, mitunter mit einem Untergang. Der Fortgang ist unterbrochen und der Umgang der Lehrenden mit den Lernenden ist immer wieder neu gewöhnungsbedürftig.
Auch ein Blick auf die Sprache ist entlarvend. Die Grundschule gibt die Übergänger sofern sie nicht als Wiedergänger im System bleiben als Abgänger ab, die dann als Aufgänger (?) von der weiterführenden Schule aufgenommen werden. Natürlich jeweils mit feierlicher Zeremonie! Früher kamen die Kleinen in Kindergarten, Krippe oder Hort. Neudeutsch heißt das nun KiTa, Kindertagesstätte. Konnten Kinder früher wachsen und gedeihen, wurden behütet und geschützt, verbringen sie heute betreut den Tag. Die neuen Aufbewahrungsanstalten folgen eher den Zwängen der Arbeitswelt und einem Tag-Nacht-Rhythmus.
Es gibt Sport- und Musikschulen, Montessori- und Waldorfschulen. Aber bezeichnend für das System Schule sind eben auch: Vor-, Grund-, Haupt-, Mittel-, Höhere-, Gesamt-, Ober- und Hochschule. Sie markieren weder pädagogische Konzepte noch Bildungsschwerpunkte oder Entwicklungsaufgaben. Sie gliedern die Zeit der Schulpflicht und der schulischen Laufbahn im Allgemeinen.
Aber Träumen sollte noch erlaubt sein. Erziehung, kindliche Entwicklung...

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Fakten zum Artikel
aus: Lernende Schule Nr. 89 / 2020

Übergänge

Friedrich+ Kennzeichnung Schuljahr 1-13