Anneke Ullrich | Cornelia Hlawatsch

Anfang und Ende gestalten

Pflegende sollten den Beziehungsprozess zu Angehörigen gestalten
Pflegende sollten den Beziehungsprozess zu Angehörigen gestalten, Foto ©: Robert Kneschke / stock.adobe.com

Anneke Ullrich | Cornelia Hlawatsch

Begleitung von An- und Zugehörigen in der Hospiz- und Palliativversorgung

Professionell Pflegende in der Palliativ- und Hospizversorgung wollen mit schwerkranken und sterbenden Menschen aber auch mit deren An- und Zugehörigen in Beziehung kommen. Wie kann eine vertrauensvolle Beziehung zu An- und Zugehörigen gelingen, damit eine bedürfnisgerechte Unterstützung möglich wird?

Pflegende und An- und Zugehörige, die im Kontext der Begleitung eines schwerkranken oder sterbenden Menschen aufeinander treffen, sind gefordert, innerhalb kurzer Zeit in einen Beziehungsprozess einzusteigen. Seitens der Pflegenden, die dies oft in hoher Frequenz erleben, bedarf es einer besonderen Achtsamkeit, sich auf jede angehörige Person und ihre Situation neu einzulassen, um Zwischentöne nicht zu überhören und Bedeutsames wahrzunehmen (siehe Beitrag Kreyer & Pleschberger, S. 26). Dazu gehört, den Beginn einer Beziehung bewusst zu gestalten und wertende Urteile anderer („schwierige Angehörige) nicht unreflektiert anzunehmen.
An- und Zugehörige nach ihrem Befinden, ihren Bedürfnissen und Gesprächsbedarf, auch zu sensiblen Themen, zu fragen, ist in vielen Fällen ein wichtiger Türöffner in eine vertrauensvolle Beziehung. Gleichzeitig lehnt manche Person ein Eingehen auf diese Fragen ab. Auch werden zum Teil Gespräche über zentral erscheinende Themen von An- und Zugehörigen nicht gesucht, nicht angenommen oder gar abgewehrt. Dies kann als erschwerend für den Aufbau einer Beziehung empfunden werden. Verdrängung, ein Nicht-Wissen-Wollen oder das Ablenken von belastenden Gefühlen können aber wichtige Schutzmechanismen sein, die manche Menschen zumindest eine zeitlang brauchen, um ihre Situation überhaupt aushalten zu können.
Um An- und Zugehörige nicht mit eigenem Wunschdenken und Anspruch zu überfordern, sollten Pflegende
  • ihre eigenen Bedürfnisse
  • die wunden Punkte in ihrer eigenen Biografie
  • ihren persönlichen Umgang mit Krisen
immer wieder reflektieren. Denn diese Aspekte können oft unbewusst Einfluss auf die Beziehungsgestaltung und die eigene Belastungssituation nehmen (Sanso et al., 2015). Schließlich haben auch viele Pflegende selbst Erfahrungen als Angehörige einer erkrankten oder verstorbenen Person.
Welten in Beziehung setzen
Angehörige haben eine „Doppelrolle inne: Sie sind unterstützende, pflegende und ratgebende Person für den erkrankten Menschen; sie sind aber auch Betroffene mit eigenen Sorgen, Ängsten und Bedürfnissen. Oftmals stehen die Bedürfnisse des erkrankten Menschen im Mittelpunkt. Selbstfürsorgliche Aktivitäten der An- und Zugehörigen reduzieren sich im Krankheitsprozess immer weiter (Ates et al., 2018) teilweise bis zur Selbstaufgabe.
Eine unterstützende Beziehung zu An- und Zugehörigen kann für Pflegende bedeuten, Impulse zum Nachgehen eigener Bedürfnisse zu geben. Gleichzeitig kann es aber genauso darum gehen, das Zurückstellen von Bedürfnissen als eigenes Bedürfnis oder als Sinnerleben bei Angehörigen anzuerkennen und die Spannung zwischen diesen Punkten auszuhalten.
Nicht nur in der Person des An- oder Zugehörigen, sondern auch in der Beziehung zwischen Pflegenden und Angehörigen treffen unterschiedliche Wirklichkeiten aufeinander. Denn Angehörige
  • befinden sich in einer existenziellen Grenzsituation
  • sind mit vielen Veränderungen konfrontiert und
  • erfahren den nahenden Verlust eines geliebten Menschen.
Pflegende wiederum
  • handeln im beruflichen Kontext
  • verfügen über Fachwissen und Routine.
Beziehungen finden deshalb nicht per se auf Augenhöhe statt. Manchmal wird dies meist unbeabsichtigt nicht ausreichend berücksichtigt, was zu einer „Entmächtigung der An- und Zugehörigen und der Verletzung ihrer Würde führen kann. In der Beziehungsgestaltung ist es deswegen wichtig, die Ebenen so weit wie möglich auszugleichen.
Pflegende können von An- und Zugehörigen als unterstützend, aber auch als Störung wahrgenommen werden....
pflegen Palliativ
Sie sind bereits Abonnent?

Jetzt anmelden und sofort lesen

Weiterlesen im Heft

Ausgabe kaufen

pflegen Palliativ abonnieren und digital lesen!
  • Exklusiver Online-Zugriff auf Ihre digitalen Ausgaben
  • Print-Ausgabe der abonnierten Zeitschrift bequem nach Hause
  • Zusatzvorteile für Abonnenten im Online-Shop genießen

Zeitschrift abonnieren

Fakten zum Artikel
aus: pflegen Palliativ Nr. 44 / 2019

Beziehungen

Premium-Beitrag aus der Zeitschrift "pflegen: palliativ" Praxis