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Rezensionen und Notizen

Spuren des Bösen aus der Vergangenheit
Weit über hundert Seiten hinweg liest sich der Roman wie ein konventioneller, wenn auch gut konstruierter Kinderkrimi, in dem Heranwachsende (hier keine „Fünf Freunde, sondern ein dreizehnjähriger Junge und ein gleichaltriges Mädchen) einem mysteriösen Geheimnis auf die Spur kommen. Konrad macht mit seinen Eltern an der französischen Atlantikküste Urlaub. Seine Cousine Lisbeth ist mit von der Partie, die gerade ihre Mutter verloren hat. Das ungleiche Duo er ein schlaksiger „Normalo, sie eine schlaue Alleskönnerin, die mit ihrer Besserwisserei nervt streiten sich viel, werden aber allmählich zu einem guten Ermittlungsteam. Dass der am Strand gelegene Bunker aus dem Zweiten Weltkrieg das Interesse so vieler sich seltsam verhaltender Personen auf sich zieht, bleibt ihnen nicht verborgen, ebenso dass Konrads Mutter in irgendeiner Weise involviert zu sein scheint. Lange werden die sich verschlingenden Fährten mit immer neuen Wendungen von den beiden verfolgt und bringen sie in spannende Situationen. Erst nach und nach merkt man, zusammen mit dem Ich-Erzähler, dass das Relikt aus der Nazizeit nicht nur ein Ort ist, an dem mutmaßlich ein versteckter Goldschatz zu finden ist, sondern dass hier auch der Urgroßvater der beiden Jugendlichen als deutscher Besatzer Böses getan, nämlich Zwangsarbeiter ausgebeutet und sich bereichert hat, bevor er selbst umgebracht worden ist. Konrad trifft diese Erkenntnis völlig überraschend, hatte er sich doch weit entfernt gefühlt von diesem finsteren Teil der deutschen Geschichte, mit der ihn bisher scheinbar nichts verbunden hat. Ein Familiengeheimnis, das auch die beiden Schwestern, Lisbeths und Konrads Mutter, einst entzweit hatte, kommt ans Licht: Böses generiert nichts Gutes. Die anderen verdächtigen Figuren aber erweisen sich als peripher, z.B. als ein Kitschroman-Autor und ein Hobby-Schatzsucherpaar.
Die Beschäftigung mit der Nazi-zeit hat inzwischen die Generation der Urenkel erreicht. Hier arbeitet sich keiner an seinen unmittelbaren Eltern ab, hier entdeckt niemand die Geschichte der noch lebenden Oma oder des in Fotos und Erinnerungen präsenten Opas. Die Existenz seines Urgroßvaters, sein Name, sein Leben, seine Taten das alles war Konrad unbekannt gewesen und hatte ihn auch nicht interessiert, bevor er mit den Spuren des Bösen aus der Vergangenheit konfrontiert wurde.
Am Schluss hat er begriffen, dass es da etwas gab, was mit schweren Verbrechen zu tun hat und nicht losgelöst werden kann vom eigenen Leben, auch wenn er und die zwei Genera-tionen vor ihm keine persönliche Schuld tragen. Und das ist schon etwas, könnte ein Anfang sein.
Das Ende des Romans Konrads Eltern treten ihr Haus, das einst mit dem Vermögen des Nazi-Urgroßvaters gekauft wurde, an eine Flüchtlingsorganisation ab ist zwar politisch korrekt, aber psychologisch wenig motiviert.
Überhaupt dürfte dieses neue Werk der preisgekrönten Autorin nicht zu ihren stärksten gehören. Ob man es als Klassenlektüre (in der siebten, achten Jahrgangsstufe) wählt, mag also jeder für sich entscheiden. Für die Klassen- oder Schulbücherei ebenso wie als Leseempfehlung, für Referate oder Projekttage ist es sicher ein guter Griff. Nicht zuletzt regt es dazu an, die Augen aufzumachen, wenn man in beliebte Urlaubsländer fährt, um die stummen Zeugen einer Zeit wahrzunehmen, in welcher die europäischen Länder schreckliche Kriege gegeneinander führten, eine Zeit, die erst durch die europäische Einigung überwunden wurde, was nicht in Vergessenheit geraten sollte, gerade wenn sich die Fratze des Bösen schon wieder in der Gegenwart zeigt.
Karla Müller
Leseprobe
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Ich zuckte bei dem Namen zusammen. Dieser Name hatte auf der Liste gestanden! Albert Sterzing, der letzte Name, der mit dem Fragezeichen! Dieser Albert Sterzing sollte mein Urgroßvater gewesen sein? Ich zog die Schultern hoch. Mir wurde kalt.
Bis jetzt hatte ich wirklich...

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Fakten zum Artikel
aus: Praxis Deutsch Nr. 261 / 2017

Das Böse

Friedrich+ Kennzeichnung Methode & Didaktik Schuljahr 5-13