Nanna Fuhrhop | Astrid Müller

Wörter bilden und verstehen

Abb. 1: Komposita mit -kuchen
Abb. 1: Komposita mit -kuchen, Bilder von links nach rechts und oben nach unten: © lilechka75–/–stock.adobe.com; © ld1976/stock.adobe.com; © LRafael/stock.adobe.com; © Jenny Sturm/stock.adobe.com; © 3desc/stock.adobe.com; © Katarzyna/stock.adobe.com; © nakedking/stock.adobe.com ; © rainbow33/stock.adobe.com

Nanna Fuhrhop | Astrid Müller

„In der Erzählung Die Verwandlung erwacht der Handlungsreisende Gregor Samsa, der seinen Wecker auf vier Uhr gestellt hatte, erst um halb sieben. Die Folgen sind fürchterlich. Beim Erwachen muss Samsa feststellen, dass er sich in ein ‚ungeheures Ungeziefer verwandelt hat, was zu diversen Scherereien und schließlich zum Tod führt. Fachleute haben in die Geschichte allerlei psychologisches und metaphysisches Zeugs hineingeheimnisst, dabei ist Kafkas Botschaft doch sonnenklar: Wer zu lange schläft, sieht scheußlich aus, wird einsam und sterbenskrank. (Süddeutsche Zeitung vom 16.Mai 2017)

Ohne Probleme können wir diesen Auszug aus einer Glosse der Süddeutschen Zeitung verstehen, auch wenn wir das Wort hineingeheimnisst zuvor noch nie gelesen haben und es für den Einzelnen neu ist, obwohl es sogar in Wörterbüchern steht1. Als geübte Leserinnen und Leser nehmen wir, in Kombination mit dem gegebenen Kontext, fast automatisch eine morphologische Wortanalyse vor, die es uns ermöglicht, die komplexe Konstruktion zu durchschauen (vgl. z.B. Hasenäcker 2016; Bangel 2018). Ohne Probleme erschließen sich uns durch diese Kombination aus Kontext und Wortstruktur weitere grammatische Informationen: Wegen seiner syntaktischen Funktion und wegen seiner morphologischen Struktur muss es sich um ein trennbares Partikelverb handeln, dessen Infinitiv hineingeheimnissen lauten müsste. Um das Sprachspiel zu verstehen, brauchen wir diese Informationen nicht explizit. Sie sind im Deutschen jedoch so transparent, dass Leserinnen und Leser diese Informationen nicht nur schnell erschließen, sondern auch benennen können, sofern sie über entsprechendes deklaratives Wissen verfügen.
Daneben gibt es Wörter, die nicht nur für den Einzelnen, sondern für alle Sprachverwender neu sind. Die Internetseite Wortwarte sammelt solche neuen Wörter aus Pressetexten (http://www.wortwarte.de/). Eine kleine Auswahl aus den elf am 22.5.2017 präsentierten Wortneuschöpfungen zeigt, dass wir wegen der morphosemantischen Transparenz dieser Wörter auf der Grundlage unseres Sprach- und Weltwissens schnell Hypothesen entwickeln, was sie bedeuten könnten: Bienenkorbstimmung, Cyberkampftruppe, Verfreakung2. Tatsächlich sind die meisten Wörter, die auf der Wortwarte-Seite gesammelt werden, komplexe Wörter (zumeist Komposita), die im Gegensatz zu einfachen Wörtern einen Wortbildungsprozess durchlaufen haben. In diesem Prozess werden Affixe und/oder Stämme mit der vorhandenen Wortbasis kombiniert. Diese neuen komplexen Wörter verstehen wir aufgrund unseres Weltwissens kontextfrei in der Regel recht gut, weil wir ein Spektrum an möglichen Bedeutungen entwickeln können, die wir im Kontext spezifizieren (vgl. Klos 2011). Diese Beispiele aus der Wortwarte weisen gleichzeitig auf einen Aspekt hin, der insgesamt für didaktische Überlegungen zum Thema Wortbildung von großer Relevanz ist: Die Kenntnis der Bestandteile eines Wortes ist nicht alles. Bei solchen hochkomplexen Wörtern wie Gleichgültigkeit oder Verantwortungslosigkeit hilft sie zudem nur bedingt. Der Verwendungskontext und unser Weltwissen können die Bedeutungserschließung in diesen Fällen unterstützen. Entscheidend für die Bedeutungszuweisung sind – neben der morphologischen Transparenz – die Motiviertheit der Bestandteile (vollmotiviert: Haustür; teilmotiviert: Parklücke; unmotiviert: Zeitlupe) und die Vorkommenshäufigkeit (Frequenz) eines komplexen Wortes (und noch wichtiger: des Wortstammes) (vgl. Taft 2003).
Der Wortschatz des Deutschen
Die aufgeführten neuen Wörter zeigen, dass es kaum eine einigermaßen eindeutige Antwort auf die Frage nach dem Wortschatzumfang im Deutschen geben kann. Es ist aber für das 20. Jahrhundert davon auszugehen, „dass der deutsche Wortschatz sehr viel umfangreicher geworden ist (Klein 2013, S.47, vgl. Kasten 1), auch wenn immer wieder Wörter in Vergessenheit geraten, selten gebraucht werden und veralten (Archaismen).
1| Der Wortschatz...

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aus: Praxis Deutsch Nr. 271 / 2018

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Friedrich+ Kennzeichnung Methode & Didaktik Schuljahr 5-13