Armin Baur/Stefanie Reska

Können Menschenaffen vorausschauend denken?

Lehrer hilft Schülerin bei der Textarbeit.
© andreaobzerova/stock.adobe.com

Armin Baur/Stefanie Reska

Erkenntnisse aus Forschungsberichten gewinnen

Seit einigen Jahren wird lebhaft darüber diskutiert, wie nahe uns andere Menschenaffen in Bezug auf kognitive Leistungen, Kulturfähigkeit und Emotionen stehen. Im nachfolgenden Unterrichtsmodell wird der Blick auf die kognitiven Fähigkeiten von Menschenaffen in Bezug auf vorausschauendes Denken gerichtet.

Stellt man seinen Mitmenschen die Frage, was (andere) Menschenaffen von Menschen unterscheidet, führen diese in der Regel an, dass Menschenaffen keine Werkzeuge verwenden, keine eigene Kultur zeigen, keine gesprochene Sprache besitzen und nicht vorausschauend planen können.
Befunde der Primatologie widerlegen jedoch diese Aussagen und machen deutlich, dass nicht nur wir Menschen als eine Art der Menschenaffen (Hominidae) diese Fähigkeiten besitzen. Auch die weiteren Arten der Menschenaffen (Bonobo, Gemeiner Schimpanse, Westlicher Gorilla, Östlicher Gorilla, Borneo-Orang-Utan, Tapanuli-Orang-Utan, Sumatra-Orang-Utan) besitzen solche Fähigkeiten und stehen uns in ihren Leistungen näher, als wir oft vermuten.
Langzeitgedächtnis und Antizipation
Menschenaffen sind nicht nur sehr lernfähig und verfügen über ein gutes Langzeitgedächtnis, sie können auch mögliche Zukunftsereignisse in Erwägung ziehen (Antizipation).
Als Belegbeispiel sei hier die Untersuchung der japanischen Naturwissenschaftler Kano und Hirata (2015) angeführt. Ihre Ergebnisse zeigen, dass Menschenaffen sowohl über ein Langzeitgedächtnis als auch über die Fähigkeit zur Antizipation verfügen. Kano und Hirata spielten Bonobos und Schimpansen zwei Kurzfilme vor, in denen jeweils etwas Aufregendes passierte: In Film A kommt eine Person im Affenkostüm aus einer von zwei sichtbaren Türen und springt bedrohlich auf einen Menschen zu. In Film B schlägt ein Mensch eine andere Person im Affenkostüm mit einem von zwei bereitliegenden Spielzeugwerkzeugen. Mithilfe eines Eye-Trackers konnten die Wissenschaftler nachweisen, dass eine signifikante Anzahl der untersuchten Menschenaffen, wenn sie den Film zum zweiten Mal bzw. einen nahezu identischen Film sahen, direkt vor dem Ereignis ihren Blick auf den entscheidenden Bildbereich richteten (Ereignistür des Films bzw. das im letzten Film verwendete und im zweiten Film anders platzierte Werkzeug).
In einer anderen Untersuchung an Bonobos und Orang-Utans des Max-Planck-Instituts Leipzig, wurden in einem Testraum Werkzeuge ausgelegt, mithilfe derer die Affen an einem Automat Futter erlangen konnten. Nach einem kurzen Aufenthalt wurden die Menschenaffen in einen Warteraum gebracht, von dem aus sie sehen konnten, wie die Werkzeuge entfernt wurden. Eine Stunde später durften die Affen zurück in den Testraum, in dem es nun jedoch keine Werkzeuge mehr gab. Nach mehrmaliger Wiederholung des Verfahrens nahm eine signifikante Anzahl der untersuchten Affen beim Verlassen des Testraums ein Werkzeug in den Warteraum mit, um später an das Futter zu kommen. Dies konnte auch bei einer verlängerten Wartezeit von einem Tag beobachtet werden (Mulcahy/Call 2006).
Werkzeuggebrauch und kulturelle Besonderheiten
Im Jahr 2005 wurde ein Gorillaweibchen im Kongo dabei beobachtet, wie sie die Wassertiefen eines Wasserbeckens mit einem Stock auslotete und mit Hilfe von diesem das Wasser sicher durchqueren konnte (Abb. 1 ).
Nicht nur bei Gorillas, auch bei anderen Menschenaffenarten, wurde Werkzeuggebrauch nachgewiesen. So konnte mithilfe von Filmaufnahmen bestätigt werden, dass die in der Nähe von Termitennestern gefundenen hölzernen Werkzeuge (bearbeitete Zweige) von Schimpansen verwendet werden (Sanz u.a. 2004).
Bei Schimpansen im Tai Nationalpark und nur bei diesen konnte man das Verwenden von geeigneten Steinen (Hammer und Amboss) zum Knacken von Nüssen beobachten. Es konnten Belege dafür gesammelt werden, dass das Wissen um die effizienteste Technik des Nüsseknackens über Generationen in der Population weitergereicht wird....

Friedrich+ Deutsch

Sie sind bereits Abonnent?

Jetzt anmelden und sofort lesen

Jetzt weiterlesen mit Friedrich+ Biologie!

  • Digitaler Vollzugriff auf die Inhalte der Zeitschriften Unterricht Biologie und Biologie 5–10
  • Umfassendes Archiv mit über 400 didaktischen Beiträgen, Unterrichtseinheiten, Arbeitsblättern, Grafiken, Filmen,  Aufgaben, praktischen Experimenten u. v. m.
  • Jährlich über 100 neue Beiträge mit Unterrichtseinheiten zu lehrplanrelevanten Themen

30 Tage kostenlos testen

Mehr Informationen zu Friedrich+ Biologie

Fakten zum Artikel
aus: Unterricht Biologie Nr. 445 / 2019

Säugetiere

Friedrich+ Kennzeichnung Unterricht (45-90 Min) Schuljahr 7-9