Kontinuität und Wandel

Werner Abelshausers „Deutsche Wirtschaftsgeschichte von 1945 bis zur Gegenwart (Rezension)

Das Standardwerk des Bielefelder Wirtschaftshistorikers Werner Abelshauser zur deutschen Wirtschaftsgeschichte nach 1945 kann inzwischen selbst eine beeindruckende Geschichte vorweisen.
Die erste Auflage von 1983 wirkte wie ein Paukenschlag, der mit liebgewordenen Mythen der Nachkriegsgeschichte aufräumte und heftige Kontroversen nicht nur in der Historikerzunft, sondern auch in der breiten Öffentlichkeit auslöste. Nach Abelshauser bewirkten nicht in erster Linie Marshallplan, Währungsreform und ordnungspolitische Leitbilder, sondern spezifische historische Rahmenbedingungen den von den Zeitgenossen als „Wirtschaftswunder wahrgenommenen rasanten ökonomischen Aufstieg der Bundesrepublik:
eine trotz Kriegszerstörungen in den Städten weitgehend intakte industrielle Basis,
ein auch dank der Heimatvertriebenen und Flüchtlinge reichlich vorhandenes Potenzial qualifizierter Arbeitskräfte,
ein niedriges Lohnniveau,
aufnahmefähige Weltmärkte in einem international günstigen wirtschaftlichen Umfeld,
die unterbewertete D-Mark
sowie das erfolgreiche Wiederanknüpfen an älteren Traditionen einer korporativen Marktwirtschaft.
Dennoch sollte sich der Mythos „Wirtschaftswunder als ein wirkmächtiges Narrativ der Bundesrepublik erweisen. Als in den 1970er-Jahren die westdeutsche Wirtschaft in eine Phase anhaltender Wachstumsschwäche und Massenarbeitslosigkeit eintrat, wuchs die Sehnsucht nach einem „Weg zurück in die schöne Welt des Wachstumswunders, der freilich eine Illusion bleiben musste. Und als 1989/1990 das DDR-Regime implodierte und die deutsche Einheit in kürzester Zeit zustande kam, glaubten viele der damaligen politische Akteure, die bloße Schaffung einer Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion zwischen den beiden deutschen Staaten könnte wie die Währungsreform von 1948 die Marktkräfte entfesseln und ein neues Wirtschaftswunder auslösen.
Dass ein solches auf schlichte Wiederholung der Geschichte setzendes Konzept aufgrund der gänzlich anderen Voraussetzungen nicht aufgehen konnte, legte Abelshauser in der 2004 erschienenen zweiten Auflage seiner „Deutschen Wirtschaftsgeschichte seit 1945 in bestechender Klarheit dar. Neben der Wiedervereinigung thematisiert er darin weitere bedeutsame Entwicklungen seit 1980, wie die „Rückkehr der durch Weltkriege und Ost-West-Konflikt unterbrochenen Globalisierung, den „langen Weg in die europäische Währungsunion oder die Strukturprobleme der deutschen Wirtschaft.
Die globale Finanz- und Wirtschaftskrise von 2008/09 warf seitdem neue Fragen an die Geschichte auf. Die vollständig überarbeitete, aktualisierte und um rund 100 Seiten erweiterte Auflage von 2011 greift diese nun auf: die Möglichkeiten und Grenzen nationalstaatlicher Wirtschaftspolitik, die Bewahrung der komparativen Vorteile der deutschen Wirtschaft im Wettbewerb der Wirtschaftsordnungen, die Folgen der „Finanzialisierung für die Gesamtwirtschaft, den Inspektionseffekt der Krise für die europäische Währungsunion oder die Zukunft der Sozialen Marktwirtschaft.
Stets bewegt sich der Wirtschaftshistoriker Werner Abelshauser hart an der Grenze zwischen Geschichte und Gegenwart. Er schreibt dabei Geschichte nicht einfach ereignisgeschichtlich fort, sondern ordnet die jeweils neuesten Entwicklungen quellenbasiert und wirtschaftstheoretisch fundiert „in den langfristigen Zusammenhang der deutschen Wirtschaftsgeschichte ein. Über alle Um-, Ein- und Zusammenbrüche deutscher Wirtschafts- und Sozialgeschichte hinweg erkennt er die Kontinuität eines „bis heute noch geltenden sozialen Systems der Produktion, dessen Entstehung er in Anlehnung an das von der neoinstitutionalistischen Schule um Douglas C. North begründete Paradigma von der „Zweiten Wirtschaftlichen Revolution am Ende des 19. Jahrhunderts verortet.
Die Herausbildung einer „neuen, nachindustriellen Wirtschaft vollzog sich im...
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aus: Unterricht Wirtschaft + Politik Nr. 1 / 2019

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