Vera Kirchner

Was möchte ich werden und wenn ja, wie viele?

Bild1: Eine reflexive Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Tätigkeitsfeldern unterstützt den Berufsorientierungsprozess.
Bild1: Eine reflexive Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Tätigkeitsfeldern unterstützt den Berufsorientierungsprozess., © rock_the_stock/stock.adobe.com

Vera Kirchner

Berufsorientierung als reflexive Forschungsaufgabe mit Hilfe von Interviews

Eine eigene berufliche Vorstellung zu entwickeln, ist für viele Heranwachsende eine große Herausforderung. Das liegt nicht zuletzt daran, dass die Anzahl der Ausbildungs-, Studien- und Berufsmöglichkeiten ins Unermessliche angestiegen sind, die Schülerinnen und Schüler zumeist aber nur ein sehr eingeschränktes Spektrum an Berufen aus der vermittelten Erfahrung von Familienmitgliedern und Bekannten kennen.
Berufsorientierung in der Schule
Viele schulische und außerschulische Angebote konzentrieren sich dann bei der Berufsorientierung ausschließlich auf die Bereitstellung und Vermittlung von sachlichen Informationen zu Berufen, wobei sie auf die Wünsche der einzelnen Schülerinnen und Schüler, aufgrund von zeitlichen und organisatorischen Beschränkungen, oft kaum eingehen können. Eine reflexive Auseinandersetzung kommt dabei häufig zu kurz. Dies ist problematisch, da Angebote zur Berufsorientierung neben Wissen und Handlungsfähigkeit auch die Ebene der Selbstreflexion im Sinne einer umfassenden Berufsorientierung ermöglichen sollten (vgl. u.a. Jung 2013, S. 304f. und Wensierski/Schützler/Schütt 2005).
Ein solcher Prozess soll im Rahmen der hier vorgeschlagenen Unterrichtsidee dadurch angeregt werden, dass die Schülerinnen und Schüler sich zu ihren mehr oder weniger vorhandenen beruflichen Vorstellungen Fragen stellen und diese im Kontakt mit Personen zu beantworten versuchen, die in diesen beruflichen Feldern tätig sind. Der Schwerpunkt dieser Auseinandersetzung sind nicht jene Informationen zu Berufen, die sich im Internet nachlesen lassen, sondern subjektive Eindrücke von Menschen, die sich für diese Berufe entschieden haben, sie nun ausüben und aus ihrem Berufsalltag berichten können.
Ein solcher Zugang lässt sich als qualitativer Forschungsansatz beschreiben, den die Lernenden als Anregung für die eigene Auseinandersetzung nutzen können. Dieser kann dann mit dem Einholen sachlicher Informationen zu den jeweiligen Berufen ergänzt werden, die sich meist einfach und schnell ermitteln lassen.
Darüber hinaus geben die Interviews auch einen Einblick in den Prozess der Berufsfindung der Interviewpartnerinnen und -partner und sind eine gute Möglichkeit, außerhalb des meist engen Kreises an Bezugspersonen in ein Gespräch über Berufe und Berufswahl zu kommen und Selbstreflexion anzuregen.
Interview als qualitativer Forschungsansatz
Durch die Vorbereitung, Durchführung und Auswertung der Interviews sammeln die Schülerinnen und Schüler außerdem erste Erfahrungen in der Anwendung sozialwissenschaftlicher Methoden in einer didaktisch angemessenen reduzierten Form. Wichtig ist hierbei, dass eine zum eigenen Erkenntnisinteresse passende und im Rahmen der Interviewdurchführung zu beantwortende Fragestellung eingangs formuliert und diese dann systematisch beantwortet wird. Für einen Forschungsprozess typisch sind auch die verschiedenen Feedbackschleifen, beispielsweise um Anregungen zur Überarbeitung des Interviewleitfadens zu erhalten und Rückmeldungen zu den Ergebnissen zu bekommen.
Eine wichtige Botschaft, die es im Rahmen dieser und anderer Unterrichtseinheiten zur Berufsorientierung zu vermitteln gilt, ist, dass die Auseinandersetzung mit den eigenen beruflichen Vorstellungen ein lebenslanger Prozess ist, der weder jetzt noch zu einem späteren Zeitpunkt in der Berufstätigkeit als vollständig abgeschlossen betrachtet werden kann (vgl. Brüggemann/Rahn 2013, S. 11f.).
Immer wieder gilt es zu prüfen, ob die eigenen Vorstellungen von Beruf und Leben und die tatsächlichen Gegebenheiten (noch) zueinander passen und was man selbst und andere zu einer positiven Veränderung beitragen können. Eine solche „berufsbiografische Gestaltungskompetenz (Vogel 2017) zu fördern und den Grundstein zu einer positiven Haltung zum Lebenslangen Lernen zu legen, ist ein übergeordnetes Ziel einer zeitgemäßen schulischen...
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Fakten zum Artikel
aus: Unterricht Wirtschaft + Politik Nr. 2 / 2019

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