Tilman Grammes

Kommunikative Fachdidaktik

Tilman Grammes

Der hier vorgestellte erziehungswissenschaftliche Ansatz der Kommunikativen Fachdidaktik wurde konsequent aus der Analyse, Kritik und Optimierung von alltäglichem Fachunterricht und sogenannten Referenzstunden heraus entwickelt (Grammes 1998, zum aktuellen Stand vgl. Petrik 2017). Beginnen wir deshalb mit Beobachtungen aus dem letzten Schulpraktikum.
Unterrichtsbeobachtungen
Szene 1: 10. Klasse, Stadtteilschule in Hamburg. Es sollen Instrumente des Marketing erarbeitet werden. Die im Tandem unterrichtenden Praktikanten möchten auf Nummer sicher gehen. Im begleitenden Seminar haben sie von mir immer wieder die Formel der japanischen Unterrichtsentwickler hören können: „Dont worship originality! Profis nutzen die Expertise des kollegialen Erfahrungsschatzes. Sie orientieren sich daher an einem online frei verfügbaren Unterrichtsmaterial des bekannten Lehrerportals „Wirtschaft und Schule. Als aufgabenorientiertes Fallbeispiel dienen Smartphones, deren Absatz zurückgeht. Ein Marketing-Mix Preispolitik, Produktpolitik, Distributionspolitik, Kommunikationspolitik wird vermittelt und eingeübt. Die Unterrichtsmethode im Materialangebot ist deduktiv, und so verläuft auch der Unterricht. Als Beobachter von Unterricht kann man die Fragen zählen, die die Schüler im Verlauf solch einer Stunde stellen. Es gibt keine.
Szene 2: Gymnasiale Oberstufe, eine Medienprofilklasse. Thema sind Gesellschaftstheorien. Gezeigt wird ein Werbespot aus den 1950er Jahren für das Waschmittel der Marke Sunil, der einem aktuellen Werbespot einer Agentur, „die Erlebnisse verkauft, gegenübergestellt wird. Ziel ist es, Unterschiede und einen epochalen Wandel subjektiver Identitätsentwürfe herauszuarbeiten, von einer Außenorientierung hin zu einer immer stärkeren Innen- und Erlebnisorientierung.
Erlebnisgesellschaft ist als Stichwort für das Zentralabitur genannt worden, darauf muss nun hingearbeitet werden. Die Schülerinnen und Schüler sind interessiert, beobachten aber auch Gemeinsamkeiten. Sie wenden ein, die Werte Sparsamkeit und Sauberkeit, die in der Sunil-Werbung genannt werden, seien auch heute noch gültig; die Marke Sunil verspreche bereits eine vom Produkt losgelöste Erlebnisqualität Wasser „blau wie ein frischer Bergbach. Hausfrauenarbeit finde in fröhlicher Freizeitstimmung statt, die beiden Protagonistinnen des Werbespots pusten den Schaum ausgelassen in die Luft. Solche Beobachtungen der Schülerinnen und Schüler werden von den Praktikanten überhört und im Tafelbild ignoriert.
Vermittlung additiv oder konstitutiv?
Ein lehrgangsartiges, orientierendes Vorgehen, wie in Szene 1, ist selbstverständlich legitim. Solche Lernschnellwege können „ökonomisch ganz im Schülerinteresse sein, wenn sie gut gemacht sind. Unterricht in der Institution Schule soll Wissen vermitteln. In der Beratung von Lehramtsstudierenden und Referendaren kommt es aber darauf an, ein Alltagsverständnis von Vermittlung bewusst zu machen, um es dann für ein alternatives fachdidaktisches Denken zu öffnen. Es geht um einen Wechsel von einem additiven zu einem konstitutiven Verständnis von Vermittlung. Damit verbunden ist ein bestimmter Methodenbegriff, die Akzentuierung der Sachmethode in Verbindung mit Unterrichts-, Lehr- und Lernmethode.
Wenn wir den alltäglichen Sprachgebrauch von Didaktik wahrnehmen, wird oft ein negativer Beiklang auffallen:
etwas soll didaktisch schmackhaft gemacht werden
etwas ist didaktisch geschickt
etwas ist didaktisch hervorragend umgesetzt, sehr abwechslungsreich und motivierend
obwohl etwas didaktisch klingt, machte es auf der Bühne Spaß
etwas war dezidiert utopisch, ohne didaktisch zu sein
Didaktik tritt in Verbindung mit Ernährungsmetaphoriken auf und wird mit Tricks assoziiert. Didaktik soll unterhalten, löst faktisch aber eher Langeweile aus, weshalb man sie besser vermeidet. Didaktik scheint einer erfolgreichen Vermittlung manchmal geradezu hinderlich zu sein; ein...
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Fakten zum Artikel
aus: Unterricht Wirtschaft + Politik Nr. 3 / 2017

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