Von Bejing nach Braunschweig

Übersetzung und Import eines Dramas: Transfer von Realität?

André Studt Aufführungen von übersetzten Theatertexten aus anderen sich zuweilen sehr von unserer Kultur unterscheidenden Kulturen sind im heutigen Theater nicht selten. Doch was bedeutet es, ein zeitgenössisches Stück aus seinem Entstehungskontext ins deutsche Theatersystem zu übertragen? Der Autor zeigt dies am Beispiel eines Dramas aus China.

Meng Jinghui wird als der versierteste experimentelle Theaterregisseur des zeitgenössischen China bezeichnet; er ist seit 1992 Direktor des Central Experimental Theatre in Bejing, wo er im Jahre 2007 das von ihm verfasste Stück „Lebensansichten zweier Hunde inszenierte. Dieser Text entstand vor dem Hintergrund eines gravierenden gesellschaftlichen Wandels, dem China unterliegt und der die chinesische Gesellschaft nachhaltig verändert. Dazu gehört auch eine enorme Binnenmigration durch Landflucht, die Meng anhand einer Reise von Arbeitern aus der Provinz in die Stadt thematisiert. Da ein direktes Verhandeln sozialpolitischer Verhältnisse angesichts der Theaterzensur in China schwierig ist, kann dies nur verborgen und implizit ausgesprochen werden: Meng Jinghuis Protagonisten sind Schauspieler, zunächst das Publikum direkt adressierende Komödianten, die dann in die Rolle zweier Hunde schlüpfen und sich schließlich in Wanderarbeiter verwandeln. Diese mehrfachen Verwandlungen waren für die chinesische Aufführungspraxis notwendig, machen sie es dem (potenziell zensierenden) Gegenüber doch immer schwerer, genau nachzuvollziehen, mit wem man es gerade zu tun hat.1 Der Text wurde 2010 als deutschsprachige Erstaufführung (DSE) am Staatstheater Braunschweig gezeigt und seitdem auch in einigen anderen deutschen Theatern aufgeführt.
Ein langer Weg
Wie darf man sich den Weg eines Theatertextes aus einer ganz anderen Kultur, der eine dortige Gegenwart verhandelt, in das System der deutschen Stadt- und Staatstheater vorstellen? Und: Was bleibt von dem Verhandelten übrig, wenn sich nicht nur die Sprache, sondern auch der kulturelle Bezugsrahmen ändert? Schließlich: Was geschieht genau in dem vielschichtigen Übersetzungsvorgang, bei dem es ja nicht nur um die Übersetzung von Sprache, sondern um den Umgang mit dem Text und dessen Bedeutungen geht?
Im Fall von „Lebensansichten zweier Hunde sah das so aus: Der chinesische Text stand am Beginn, er wurde irgendwann in Peking formuliert, dann dort 2007 aufgeführt und rezipiert auch von Andreas Guder und Christoph Lepschy, der eine Übersetzer und Dozent des DAAD in Peking, der andere damals Dramaturg am Schauspielhaus Düsseldorf.
Dieses hatte sich im Zuge eines Intendantenwechsels gerade eine programmatische Neuausrichtung verordnet, bei der unter anderem die große chinesische Community in Düsseldorf und die starke Vernetzung der Stadt mit chinesischen Partnerregionen eine Rolle spielen sollten. Demzufolge beschloss man, am Düsseldorfer Theater ein chinesisch-deutsches Autorenfestival zur Neuen Dramatik auszurichten.
Zur Vorbereitung dieses Formats besuchte Christoph Lepschy seinen Freund Andreas Guder in Peking; sie wurden auf das Stück Meng Jinghuis aufmerksam, da die Aufführungen dort einen Hype ausgelöst hatten (wahrscheinlich wegen der nicht so oft vorkommenden experimentellen Form des Textes und dessen szenischer Realisation, die in der Pekinger Presse als Mischung aus Improvisation, Clownerie und Rockkonzert beschrieben wurde). Bei der dann vom Düsseldorfer Schauspielhaus in Auftrag gegebenen Übersetzung nutzte Guder sein berufliches Netzwerk, sodass sukzessive ein kleines Netz von Menschen entstand, die, verstreut in der Welt, eine Art Arbeitsgruppe für das geplante Festival bildeten und dafür begannen, Texte, Meinungen und künstlerische Ideen aus ihrer individuellen kulturellen Perspektive auszutauschen.
Bei seiner Übersetzung des Textes orientierte sich Guder an der Skopos-Theorie; dies ist eine funktionale, zweckrationale...
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aus: Schultheater Nr. 37 / 2019

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