Lisa Scheibner

Lisa Scheibner

Sieben Schritte zu einem multiperspektivischen Theater

Die Autorin, freischaffende Schauspielerin und bei Diversity Arts Culture Referentin für Sensibilisierung/Antidiskriminierung, macht Vorschläge, wie sich in Schule und Theater Diskriminierung vorbeugen lässt.

Verständnis für Diversität beginnt in der Schule
In unserer Arbeit als Diversity Arts Culture erleben wir in den letzten Jahren ein wachsendes Interesse an verschiedenen Diversitätsfragen. Oft ist die Motivation hoch: Ja, unsere Kulturinstitution soll diverser werden! Wir möchten mehr Mitarbeiter*innen of Color (also Menschen mit Rassismuserfahrung) einstellen und unser Haus zugänglicher machen. Auch das Programm soll in Zukunft verschiedene Perspektiven abbilden. Aber wie geht das? Wie erreichen wir Schauspieler mit Behinderung oder Regisseurinnen of Color mit unserer Stellenausschreibung? Gibt es denn überhaupt ausreichend Nachwuchs mit diversen künstlerischen Perspektiven?
Die Theatertradition, in der der Bühnenheld zumeist als weiß, männlich, heterosexuell und ohne Behinderung imaginiert und besetzt wird, hat ihre Spuren hinterlassen. Bis heute ist es schwer, als Schwarze Schauspielerin an einer staatlichen Schauspielschule aufgenommen zu werden, weil man dann angeblich „schwer vermittelbar ist. Eine Schwarze Julia? Ein Faust, der in Gebärdensprache kommuniziert? Höchstens als Konzeptkunst!
Aber auch neue Dramatik hat Diversität mitnichten als Normalzustand verinnerlicht. Frauenrollen werden zwar nach und nach präsenter und interessanter, aber von der gesellschaftlichen Norm abweichende Charaktere werden im Text oder der Inszenierung oftmals in einer symbolischen Funktion eingesetzt und/oder auf Stereotype reduziert, statt für sich selbst zu stehen oder gar Identifikationsfiguren zu sein.
Zum Thema Sexismus im Kulturbetrieb gibt es mit der Studie „Frauen in Kultur und Medien (Deutscher Kulturrat, 2016) die ersten Zahlen: 2015 waren zum Beispiel 66% der Studierenden der Fächer Darstellende Kunst, Bühnenkunst, Regie weiblich (seit 1994 ist dieser Wert fast stabil), zum gleichen Zeitpunkt sind allerdings nur 30% der Inszenierenden an deutschen Theatern Frauen. Zur Anzahl von Personen mit Rassismuserfahrung oder Behinderung im künstlerischen Personal gibt es bisher noch keine repräsentativen Studien.
Die Ausschlüsse beginnen allerdings nicht erst bei der Aufnahmeprüfung an der Schauspielschule. Woran liegt es denn, ob jemand eine Laufbahn als professionelle*r Künstler*in einschlägt? Wer sich für Theater interessiert, stammt mit hoher Wahrscheinlichkeit aus einem Elternhaus, in dem es Berührungspunkte zum Kultur- und Bildungskanon der deutschen Mehrheitsgesellschaft gibt. Wer sich hier souverän bewegt, wird in der Schule dafür belohnt und weiter gefördert. Aber ist es wirklich dieses Wissen, das über künstlerisches Talent entscheidet? Welche Anhaltspunkte brauchen Kinder und Jugendliche, um Interesse am künstlerischen Selbstausdruck zu entdecken? Welche künstlerischen Bezüge (etwa außereuropäische) werden bisher zu wenig beachtet oder höchstens als Folklore betrachtet?
Die Schule ist der Ort, an dem Diversität gemeinhin stärker repräsentiert ist als im kreativen Elfenbeinturm. Sie könnte in Zukunft ein Ort sein, an dem alle Kinder und Jugendlichen die Möglichkeit haben, sich als kreativ schöpferisch auszuprobieren, und an dem ihnen berufliche Perspektiven in der Kunst aufgezeigt werden. Nicht zuletzt sollte sie außerdem ein Ort sein, an dem es gelingt, Bewusstsein für gesellschaftliche Machtverhältnisse zu entwickeln.
Hier sind sieben Punkte für Spielleiter*innen, die Diskriminierung vorbeugen und ein aktuelles Diversitätsverständnis unterstützen möchten:
1. Diskriminierung anerkennen. Diskriminierung bedeutet, Benachteiligung zu erfahren. Diskriminierung geschieht aber nicht nur durch diskriminierendes Verhalten zwischen einzelnen Personen und auch nicht immer absichtlich. Trotzdem richtet sie realen Schaden an....
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Fakten zum Artikel
aus: Schultheater Nr. 38 / 2019

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