Ulf Otto

Und Paro lächelt

Conchita Wurst bei ihrem Sieg des European Song Contests 2014 in Kopenhagen: Sinnbild einer Kultur der Digitalität?
Conchita Wurst bei ihrem Sieg des European Song Contests 2014 in Kopenhagen: Sinnbild einer Kultur der Digitalität?, Foto: © imago images / ITAR-TASS

Ulf Otto

Warum der Roboter kein gutes Bild für das Digitale ist

Landen Aliens im Kino, geht es selten um die Wahrscheinlichkeit von extraterrestrischem Leben. Gleiches gilt für Zombies. Zwar sind Zombies nicht so leicht greifbar wie Aliens ihr Fleisch ist weich, und sie zerfallen leicht, wenn man sie zu fest packt , aber es ist klar, dass es bei Zombiefilmen nicht um epidemiologische Fragen geht. Genau das aber scheint bei Robotern irgendwie anders zu sein.

Die Maschine tritt auf und die Fiktion verschwindet: Wer Westworld schaut, redet gerne darüber, wann die künstlichen Intelligenzen die Herrschaft übernehmen werden und was wir tun müssen, damit sie lieb zu uns sind. Vielleicht liegt es daran, dass die Technik eines der wenigen Dinge ist, an die wir noch glauben können. Oder daran, dass wir es gewöhnt sind, dass der Industrie von heute nichts Besseres einfällt als die Science-Fiction von gestern.
Vielleicht aber liegt es auch daran, dass der humanoide Roboter für den Bildungsbürger so etwas ist wie der Migrant für einen Nazi: eine Projektionsfigur, die er fürchten muss, weil er ihm immer schon seine Ängste vor dem eigenen Bedeutungsverlust übergeholfen hat. Schließlich war Intelligenz im seelenlosen, weil aufgeklärten Westen ja immer das, was alle Überhöhung und Unterwerfung rechtfertigen musste. Was also, wenn wir (alte, weiße Männer etc.) darauf kein Monopol mehr hätten?
Die Angst vor dem großen Austausch
Dabei kann man schon in der Theatergeschichte sehen, dass es beim Auftritt des Roboters eigentlich nie um die Maschine ging, sondern vielmehr darum, wer nicht menschlich genug für das Menschliche ist: R.U.R. (Rossums Universal Robots in der englischen Übersetzung) heißt das viel zitierte tschechische Melodram von Karel Čapek von 1920, in dem die Roboter ihren ersten Auftritt überhaupt haben.
Die Handlung ist schnell erzählt: Auf einer abgelegenen Insel stellt eine Gruppe exzentrischer Ingenieure künstliche Menschen auf Massenbasis her, die als internationaler Verkaufsschlager menschliche Arbeiter und Soldaten weltweit obsolet machen. Helena, idealistische Menschenrechtsaktivistin und reiche Präsidententochter protestiert gegen die Ausbeutung der Roboter. Doch das Engagement stößt bei den Robotern auf Desinteresse und bei den Ingenieuren auf Unverständnis: Da den Robotern ja jede Menschlichkeit abgehe, was sollte da an ihrer Ausbeutung problematisch sein? Helena heiratet in ihrer nachrevolutionären Phase schließlich den Fabrikdirektor.
Zehn Jahre später, im dritten Akt, ist dann die Revolution der Roboter doch noch (ohne Helena) in Gang gekommen. Die Vernichtung der Menschheit nimmt ihren Lauf, und ein letzter Ingenieur schafft es wegen reproduktionstechnischer Notwendigkeiten bis zur letzten Szene. Hier wird er schließlich Zeuge der ersten Roboterliebe und der damit doch wieder rosig gefärbten posthumanen Zukunft: „Geh, Adam. Geh, Eva; sei ihm Weib und Gefährtin; und du, Primus, sei ihr Mann und Gefährte. Gesegneter Tag!
Es folgt ein wenig melodramatische Metaphysik in Anlehnung an biblische Schöpfungsgeschichte, und dann fällt der Vorhang.
Robota meint im Tschechischen „Arbeit oder „Fronarbeit und geht wohl auf das altkirchenslawische „rab für Sklave zurück. Der Robotnik ist hier also nichts anderes als der Proletarier, besser gesagt, die bürgerliche Fantasie desselben als eines entmenschlichten Massenmenschen. Von den sozialen Folgen industriekapitalistischer Wirklichkeit, dem Alltag der Fabrik oder der Sicht der Arbeiterinnen und Arbeiter erfährt man wenig in dem Stück, viel jedoch von bürgerlichen Ängsten und Lüsten.
Daran hat sich auch in aktuellen Roboterfantasien nicht viel geändert.
Die Attraktivität jenseits der Dichotomien
Um das Digitale zu verstehen, hilft Conchita Wurst wesentlich mehr als die Roboter. Mit Conchita Wursts Auftritt beim ESC 2014 beginnt Felix Stalder seine jüngsten Überlegungen zur „Kultur der Digitalität (2016). Diesen Triumph einer...
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aus: Schultheater Nr. 41 / 2020

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