Sophia Stiftinger

Sehnsucht nach der Heimat

Aus sicherer Distanz einen Blick auf die Fremde werfen und die Heimat dabei doch nie wirklich verlassen – ein Wunsch vieler deutscher Urlauber?
Aus sicherer Distanz einen Blick auf die Fremde werfen und die Heimat dabei doch nie wirklich verlassen – ein Wunsch vieler deutscher Urlauber? , Foto:© ZDF/Polyphon Film- und Fernsehgesellschaft AG

Sophia Stiftinger

Heimat und Fremde in der ZDF-Serie „Das Traumschiff

Seit fast 40 Jahren entführt „Das Traumschiff seine Fans auf dem heimischen Sofa in ferne Länder. Dabei dient die Fremde jedoch nur als exotische Kulisse für die Geschichten an Bord, in immer gleicher Umgebung reist die Heimat quasi mit um die Welt. Ein Blick auf ein Stück (west-)deutscher Fernsehgeschichte, das viel aussagt über das Verständnis von Heimat und Fremde der Serienmacher*innen und -zuschauer*innen.

Das Schiff ist seit vielen Jahren meine Heimat. Mit diesem Satz betont Heide Keller in ihrem letzten Auftritt als Chefhostess Beatrice in der ZDF-Serie „Das Traumschiff (ZDF, seit 1981), wie schwer es ihr fällt, ihren Job und damit das Kreuzfahrtschiff für immer zu verlassen. Seit 37 Jahren schippert das Traumschiff von Serienerfinder und Produzent Wolfgang Rademann1 über die deutschen Fernsehbildschirme. Zu Beginn jeder Folge begrüßen die in die Kamera lächelnden Hauptfiguren der aktuellen Traumschiff-Crew die Zuschauer*innen und laden sie ein, für die nächsten 60 – 125 Minuten eine Auszeit vom Alltag zu nehmen und gemeinsam mit ihnen eine Kreuzfahrt in ferne Länder und (scheinbar) entlegene Winkel der Ozeane zu unternehmen.
Das Schiff als sicherer Hafen in der Ferne
Heimat und Fremde oder besser eine Heimat in der Fremde ist ein, wenn nicht der übergreifende Topos in der Serie „Das Traumschiff. Nicht nur die Figur der Beatrice bezeichnet das Kreuzfahrtschiff als „Heimat. In einem ZDF-Spezial betonte etwa auch Nick Wilder, dass dieser Eindruck produktionsseitig beabsichtigt ist und etwa durch die Wahl kleiner Schiffe versucht wird, eine heimeligere Kulisse und einen intensiveren Kontakt zwischen Passagieren und Crew ins Bild zu setzen. Wie aber evoziert und inszeniert eine so langlebige Unterhaltungs- und Familienserie wie „Das Traumschiff diese „Heimat?
In einer allgemeinen, notwendig unvollständigen und unabgeschlossenen Annäherung an den Begriff meint Heimat meist einen sozial geteilten wie persönlichen Zuordnungen unterworfenen, vertrauten Orientierungs- und Deutungsrahmen. Konnotiert mit Begriffen wie Sicherheit und Verlässlichkeit, Stabilität und Konstanz, wird „Heimat nicht selten als Gegensatz oder in Differenz zu Fremdheit und Entfremdung entworfen. Heimat firmiert als Bezugspunkt von Identität und bedeutet eine „soziale, zeitliche und räumliche Verankerung (Borgschulze 2001, S. 257).
Unschwer zu erkennen steht das titelgebende (Traum-)Schiff im Mittelpunkt der Serie und wird entsprechend oft mit Luft- und Detailaufnahmen als solcher inszeniert. Gewissermaßen als schwimmender (und vielleicht sogar idealisierter) Mikrokosmos der (west-)deutschen Gesellschaft stellt das Traumschiff für die Reisenden eine temporäre, dem Alltag enthobene aber nicht zuletzt durch die eingeschriebene Rückkehr auf diesen bezogene Heimat dar. An Bord findet sich alles, was auch in einer Stadt zu finden wäre. Die Welt an Bord ist damit eine bekannte, sie wird aber zugleich durch Annehmlichkeiten und Luxuseinrichtungen wie Fitnessstudio, Golfanlage und Casino als nicht-alltäglicher Sehnsuchtsort markiert. Wenig überraschend fokussiert die Serie dann auch die angenehmen, mitunter klischeebehafteten Elemente einer Kreuzfahrt: Imposante Dinner-Abende und gemütliches Sonnenbaden gehören ebenso zu den fixen Bausteinen wie eine mitunter sentimental anrührende Kombination aus Liebe, Herz und Humor. Und selbstredend spielt das Wetter immer mit!
Die auffallend überschaubare Anzahl der Mitreisenden sorgt dafür, dass das Schiff den Charme eines kleinen Dorfes erhält, in dem jede*r jede*n zu kennen scheint. Im Alltag spürbare und mitunter konfliktträchtige Klassenunterschiede sind auf dem Traumschiff suspendiert.
Die Serie entwirft das Schiff nicht nur als zentralen Schauplatz, der die verschiedenen Figuren versammelt und einen ebenso strukturierten wie überschaubaren Raum narrativer Handlungspotenzialität...
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Fakten zum Artikel
aus: Schultheater Nr. 38 / 2019

Heimat

Premium-Beitrag der Zeitschrift Schultheater Theorie