Rezension

Fatma Aydemir / Hengameh Yaghoobifarah (Hrsg.)
Eure Heimat ist unser Albtraum
Berlin: Ullstein 2019
Unlängst konnte live im Fernsehen mitverfolgt werden, wie Bildung zum Fremd-Sein funktioniert: Die fünfjährige Melissa, die zur Supertalent-Show auftritt, wird von Dieter Bohlen gefragt: „Und woher kommt die Melissa? „Herne, antwortet sie. „Und Mama und Papa, wo kommt ihr her , Philippinen, oder …“, „Nein, [...] auch in Herne. Schallendes Gelächter im Publikum und in der Jury. Melissa, leicht verunsichert, aber mit strahlenden Augen, lacht mit. Bohlen: „Kommt ihr irgendwie wo kommt ihr her , aus welchem Land, gebürtig …“ Antwort: „Ich weiß es nicht. Wieder lautes Lachen. Und noch weiter fragt Bohlen nach „Oma und Opa und so . [Blick zur Mutter]: Bist du [sic!] die Mama?
Heimat/Herkunft/Zugehörigkeit früh, sehr früh lernen Kinder, wohin sie (nicht) gehören sollen. Was ist Heimat, was meint Herkunft, und was Zugehörigkeit? Wie kann Heimat Albtraum werden? Diesen und weiteren Fragen widmen sich 14 Autor*innen Journalist*innen, Schriftsteller*innen, Kulturschaffende aus Deutschland , die gemeinsam mit den Herausgeberinnen Fatma Aydemir und Hengameh Yaghoobifarah Texte zum Thema Heimat verfassten. Ihr Blick darauf hat jedoch wenig mit dem zu tun, was hierzulande mehrheitlich dazu assoziiert wird. Ihre Perspektiven fokussieren eher „oft übersehene, aber sehr existenzielle Aspekte marginalisierter Lebensrealitäten in Deutschland, die als Erfahrungen das Leben der Autor*innen prägen.
Die Dramatikerin Sasha Marianna Salzmann setzt dabei den Anfang mit Reflexionen zu „Sichtbarkeit. Das Wissen, niemals die Erfahrung machen zu können, unsichtbar zu sein, niemals nicht aufzufallen und damit auch, niemals unvorsichtig sein zu können, nimmt sie zum Anlass für ein Plädoyer gegen Unsichtbarkeit. Gemeint ist Assimilation, das heißt stillschweigende Anpassung an eine Norm, die eben jene Unsichtbarkeit zum einen einfordert und zugleich Differenz produziert und ausstellt. Wenn das Tragen einer Halskette mit David-Stern oder der öffentliche Kuss unter Homosexuellen als Exhibitionismus oder „Wirbel um die eigene Sexualität deklariert wird, ist offensive Sichtbarkeit eine Antwort, die nicht zuletzt auch zu Solidaritäten führen kann. Kann wenn in Situationen der Degradierung einer Person andere Beistehende nicht wegschauen, sondern sich einmischen und sei es, dass ein getwittertes Video (wie das mit der Melissa-Szene) zu einer Welle der Empörung führt. Hengameh Yaghoobifarah knüpft in ihrem Text „Blicke an diese Gedanken an. Allerdings richtet sie ihren Fokus gerade auf den „andernden Blick, mit dem Menschen wie Melissa zu anderen gemacht werden. Dabei erklärt sie white gaze den fremdbestimmenden, weißen Blick als „eine Art Kameralinse, die immer „im Abgleich mit der eigenen Identität auf die ‚anderen‘“ gerichtet ist und „haften bleibt. Denn strukturell verbreitete Stigmata werden in mehrfacher Wiederholung schlicht verinnerlicht. Indem ihre Körper wie auch immer gegenüber einer Norm als homosexuell, trans, behindert oder ethnisch taxiert werden, werden die Personen zu „Fremden.
Deniz Utlu berichtet in seinem Essay „Vertrauen davon, wie er als Abiturient den fälschlichen Terrorismus-Verdacht gegenüber Murat Kurnaz erlebte, der trotz seiner Unschuldsfeststellung vier Jahre in Guantanamo verbrachte, weil sein Heimatstaat, die Bundesrepublik Deutschland, ihm die Rückeinreise verweigerte. „Vertrauen, schreibt Utlu, „heißt ja nicht nur, dass ich mich darauf verlasse, dass die Behörden ihre Pflicht erfüllen, sondern Vertrauen heißt, dass ich, ohne dass ich das überprüfen könnte, davon ausgehe, dass sie keine Möglichkeit ungenutzt lassen, sich für mich einzusetzen, wenn es darauf ankommt. Vertrauensbruch entsteht, wenn sich niemand für mich einsetzt, obwohl mir ein Unrecht widerfährt darin besteht das zweite Unrecht. Vertrauen und Vertrauensbrüche, wie sie Deniz Utlu im Folgenden...
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Fakten zum Artikel
aus: Schultheater Nr. 38 / 2019

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