Rezension

Milo Rau
Das geschichtliche Gefühl
Wege zu einem globalen Realismus
Berlin: Alexander Verlag 2019
Um es vorweg zu sagen: Ich bin ein Fan dieses Buches. Der Grund, warum ich es begeistert gelesen habe, liegt vor allem darin, dass ich selten ein Buch über einen Theaterpraktiker gelesen habe, bei dem ich dachte, dass es auch ohne eine vertiefte Kenntnis der theatralen Praxis der jeweiligen Künstlerin bzw. des jeweiligen Künstlers funktioniert. Bei diesem Buch trifft dies zu hundert Prozent zu. Denn einerseits werden entscheidende Aspekte der praktischen Arbeiten präzise referiert (und visuelle und akustische Eindrücke lassen sich leicht über andere Kanäle wie YouTube etc. ergänzen), andererseits und das ist noch viel wichtiger tut dem Buch die theoretische Klarheit des Bourdieu-Studenten Milo Rau ausgesprochen gut. Natürlich haben Künstlerinnen und Künstler nicht die Verpflichtung, ihren künstlerischen Ansatz zu erklären. Aber tun sie dies, ist es für die Leser angenehm, wenn sie dabei eine gewisse Klarheit und wissenschaftliche Präzision an den Tag legen. Dadurch machen sie sich auch angreifbar, aber gerade dies ist das Spannende an dem Buch: Es zwingt einen förmlich zu eigenen Positionierungen.
Ausgangspunkt des Buches sind drei öffentliche Vorträge, die Milo Rau im Rahmen der 6. Saarbrücker Poetikdozentur für Dramatik gehalten hat, ergänzt um zwei Gespräche Milo Raus mit Rolf Bossart und Harald Welzer sowie um ein Essay von Johannes Birgfeld.
Ein programmatisches Gespräch
Im Gespräch mit dem Philosophen Ralf Bossart „Das ist der Grund, warum es die Kunst gibt zum Thema „Theater und Realismus geht es um Raus Arbeiten vor 2007. Bereits hier finden sich aus meiner Sicht zentrale programmatische Aussagen: „Die einzige Sache, die ich im Gymnasium und dann im Studium immer wieder gelernt habe ist, dass man kritisch sein soll: Intelligenz, das hieß, bestehende Erzählungen, bestehende Wirklichkeitsentwürfe zu analysieren und zu zerlegen und dann () ein wenig daran zu leiden oder eben je nach ästhetischem Ansatz drüber- oder danebenzustehen. Die soziale Phantasie ist nun das Gegenteil davon: Sie ist aktiv, sie hat einen Realisierungsdrang () Theater ist nichts anderes als die völlig konkrete Rückbesinnung auf diese ganz simple aristotelische Tatsache: dass alles, was wir für real erachten, nichts anderes ist als eine soziale Verabredung () Spielen oder Inszenieren, wie ich es verstehe, bedeutet die im Normalfall einfach als natürlich und zwingend hingenommene Wirklichkeit nicht analytisch oder ironisch aufzulösen, sondern sie in allen Konsequenzen zur Erscheinung zu bringen, sie in Aktion zu zeigen. Das ist ja der Grund, warum Theater überhaupt als Kunstform entwickelt wurde () nämlich aus dem sozial Imaginären Realität zu schaffen.
Drei Vorlesungen
In „Das geschichtliche Gefühl, der ersten der drei ca. 60-minütigen Vorlesungen der Poetikdozentur geht es im Kern um die Frage, wie die Vergangenheit in einem Akt der Repräsentation gegenwärtig werden kann. Rau beschreibt hier die Methode der investigativen Anthropologie, des Gemein-Machens mit einer Sache und geht zentral auf sein System der „Unst ein. Das ist eine „Kunst ohne K, eine realistische Kunst nach der Postmoderne, die versucht, wieder auf die Grundbewegung der Darstellung zurückzukommen. Dabei macht Rau folgende Setzungen zum Thema Realismus auf der Bühne: „Realismus heißt nicht, dass etwas Wirkliches repräsentiert wird. Realismus heißt, dass der Vorgang der Repräsentation selbst real wird () Und daraus ergibt sich eine grundsätzliche Abgrenzung: die Abgrenzung des Realismus () als dialektische und ungewisse, da zugleich mimetische und reflexive, zugleich abbildende und vorbildende Praxis vom sogenannten Dokumentarischen () Es ist das Projekt selbst, das sich in seinem Endprodukt dokumentiert () Es geht darum, durch den Umweg über das Wirkliche eine Bereitschaft für das kollektive Phantasieren herzustellen.
In der...
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Fakten zum Artikel
aus: Schultheater Nr. 40 / 2020

Dokumentarisches Theater

Premium-Beitrag der Zeitschrift Schultheater Theorie Schuljahr 3-13