Martina Leeker

Posthumanes Theater

Die Simultanaufführung „Parallelwelt“ (2018) hinterfragt die Einmaligkeit des Menschen und seine Erkenntnisfähigkeit (s. auch das Interview mit Alexander Kerlin).
Die Simultanaufführung „Parallelwelt“ (2018) hinterfragt die Einmaligkeit des Menschen und seine Erkenntnisfähigkeit (s. auch das Interview mit Alexander Kerlin). , Foto: © picture alliance/Eventpress

Martina Leeker

Oder: Performativität des Digitalen als Chance

„Geht nicht mit tradierten Vorstellungen aus einer aufgeklärten Pädagogik in Theater-stücke im Kontext von Digitalität. Und werdet nicht wehmütig ob der Absenz ersterer! Diese Empfehlung stammt aus einem Seminar zum Thema „Theater, Digitalität, Schule. Welche Überlegungen führten zu diesem Rat?

Hintergrund für dieses Motto ist, dass Theater/Performance an einer Posthumanisierung und damit an einer weltgeschichtlichen Umwälzung arbeiten, mit der eine aufgeklärte Pädagogik abgelöst wird. Denn tradierte Konzepte und Werte der Aufklärung wie ein autonomes und angeblich vernunftbegabtes Subjekt, Öffentlichkeit und Transparenz oder Authentizität und Wahrheit sind in diesem Kontext nicht mehr zu haben. Dies kann auch als eine glückliche Wendung gesehen werden, denn die Werte der Aufklärung brachten nicht unbedingt eine bessere Gesellschaft oder bessere Menschen, sondern werden auch für Kolonialisierungen im Namen von Vernunft oder Technokratie eingesetzt.
Potenziale eines posthumanen Theaters
Wird das Performen des Digitalen aus der Perspektive der Aufklärung und eines aus dieser gespeisten Kulturpessimismus betrachtet, wird man Ersteres wohl nostalgisch-erschüttert ablehnen. Begegnet man ihm aber forschend, neugierig und offen, sind die aktuellen Performances eine wichtige Inspiration für die Auseinandersetzung mit digitalen Kulturen. Zudem sind sie dann ein Quell des Um- und Neu-Denkens für eine nun zu antizipierende posthumane, d.h. mehr-als-nur-menschliche Existenz.
Dabei geht es nicht darum, diese rundherum gutzuheißen. Es gibt kritische Punkte und Schattenseiten der posthumanen Konstitution, z.B. eine hemmungslose und mit Täuschungen operierende Überwachung, in Programme eingelassene sexistische und rassistische Vorurteile, die gnadenlose Ökonomisierung von Daten oder die freiwillige Unterwerfung menschlicher Agierender unter die vermeintliche Sorge technischer Geräte, die geschickt verdeckt vor allem Daten sammeln.
Zugleich liegen in digitalen Kulturen aber Potenziale für eine nötige De-Humanisierung, d.h. für eine Relativierung des herrschaftsbesessenen Menschen der Aufklärung, die es zu erkunden und zu bergen gilt. Die Relativierung bezieht sich z.B. auf die vermeintliche Autonomie des Individuums, die ob der geteilten Handlungsmacht mit technischen Dingen in digitalen Kulturen obsolet wird. In diesem Umstand liegt die Chance, dass auch ein techo-ökologisches Bewusstsein des Menschen ausgelöst wird, das ihn in einem Relationsgefüge mit anderen Lebewesen verankert. Dieser Techno-Ökologismus wäre eine Option des Denkens und Handelns für die Rettung der Erde sowie gerechte soziale Verhältnisse. Mit Vorurteilen belastete Programmierungen könnten in dekoloniale Softwareprojekte, Praktiken und Narrative überführt werden.
Aktuelle Performances
Theater und Performance mit digitalen Technologien erforschen auf Hochtouren diese Umstellung auf ein posthumanes Theater, dem eine ebensolche Theaterpädagogik zu folgen hätte, und bieten neue Modelle und Begriffe an (s. auch den Beitrag Medien für die im Folgenden genannten Stücke). Richtungsweisend sind etwa Inszenierungen von Kay Voges und Alexander Kerlin, in denen posthumane Narrative erdacht und getestet werden.
So werden etwa in der sogenannten Simultanaufführung Parallelwelt (2018) die Einmaligkeit des Menschen und seine Erkenntnisfähigkeit quantenphysikalisch hinterfragt (s. Foto ). In Das Goldene Zeitalter (2013) werden die Spielszenen durch eine Datenbank vorgeschlagen, sodass von freier Wahl oder künstlerischer Genialität keine Rede mehr sein kann. Das Internet-Stück Dont be evil (2019) schließlich verschüttet die Schauspielenden in einer Orgie von Bildern, Motti, Technohypes und virtuellen Präsenzen. So scheitert jeder Versuch, noch klare Ordnungen und Bedeutungszuweisungen anbringen zu wollen. Dieses Stück ermittelt nicht nur die Vorteile eines...
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Fakten zum Artikel
aus: Schultheater Nr. 41 / 2020

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Premium-Beitrag der Zeitschrift Schultheater Theorie Schuljahr 9-13