Benjamin Jörissen

Digital Nature

Verwobenheit mit dem Digitalen auch im Tanz: Der taiwanesische Choreograf Huang Yi tanzt mit einer Tänzerin und dem Industrieroboter Kuka. Die auf den Tanz programmierten Bewegungen des Roboters werden durch einen Laserstrahl verlängert. Es entsteht eine beeindruckende Intimität.
Verwobenheit mit dem Digitalen auch im Tanz: Der taiwanesische Choreograf Huang Yi tanzt mit einer Tänzerin und dem Industrieroboter Kuka. Die auf den Tanz programmierten Bewegungen des Roboters werden durch einen Laserstrahl verlängert. Es entsteht eine beeindruckende Intimität., Foto: © xFranciscoxMoralesx EYE_2848

Benjamin Jörissen

Wie Digitalisierung all unsere Lebensbereiche verändert

Vor nicht allzu langer Zeit konnten Unterscheidungen von „on- versus offline, „Cyberspace versus Meatspace oder gar „reale Welt versus „virtuelle Welt sinnvoll erscheinen. Doch heute sind sie derart obsolet, dass selbst der Verweis auf diese einen historischen Charakter hat. „Offline sein wäre ein Zustand, der mit sehr viel Mühe und Aufwand also künstlich hergestellt werden müsste. Das digitalisierte Leben hingegen ist eben nicht (mehr) künstlich, es ist uns zur „dritten Natur geworden. (s. Foto 1 )

Man kann sich diese dritte Natur (Alexander Kluge) wie ein Myzel vorstellen. Der eigentliche Organismus besteht aus unsichtbaren, miteinander zusammenhängenden, großen unterirdischen Verflechtungen. Was wir gemeinhin als „Pilz bezeichnen, das wäre der sichtbare, offenkundige Anteil Computer, Gadgets, Apps.
Postdigitale Pilze
Der sichtbare „Pilz ist lediglich ein Fruchtkörper des Myzels und eben nicht der ganze Organismus; er ist eine sekundäre Manifestation. Das Digitale ist einerseits ein in diesem Sinne weitgehend unsichtbares Netzwerk aus Maschinen, Leitungen, Satelliten, Software, Algorithmen, Protokollen, Datenstrukturen, Daten, Interfaces, RFID-Sendern, GPS-Sendern, zahllosen Endgeräten mit ihren medialen und sensorischen Komponenten usw. Es ist jedoch längst mehr, da sich die Strukturen digitaler Infrastruktur in die materiell-ökonomischen, die kommunikativ-sozialen und die artikulativen und individuellen Sphären, letztlich in die Kultur in ihrer ganzen Breite und Tiefe, eingeschrieben haben. Zunehmend wird uns auch klar, dass dies kein Zufall ist, sondern dass die technische Digitalisierung auf längst erfolgten kulturellen und gesellschaftlichen Umstellungsprozessen basiert, die vor allem auf Quantifizierung zugunsten der Steuerbarkeit (in Wirtschaft, Politik, Organisation und im Alltagsleben) abzielen auf die Gesellschaft im Zeichen der „zählenden, also digitalen Selbstbeobachtung, so der Soziologe Armin Nassehi1.
Vor diesem Hintergrund also sind en masse „postdigitale Transformationen kultureller Praktiken zu verzeichnen, die alle Bereiche der Kulturellen Bildung vor Herausforderungen stellen. Dies wird unter anderem anhand einer breit angelegten Förderlinie zur „Digitalisierung in der kulturellen Bildung des Bundesministeriums für Bildung und Forschung erkennbar.2 Hier forschen Beteiligte aus vierundzwanzig Forschungseinrichtungen zu Fragen, wie digitale Datenbanken das Tanzen verändern können, wie virtuelle Museumsräume der Zukunft aussehen sollten, wie digitale Dinge und Apps kreative und künstlerische Prozesse verändern, welche Chancen E-Learning, vernetzte Onlineu-Umgebungen und digitalisierte Sozialräume für die Kulturelle Bildung bieten und wie Akteure und Institutionen der Kulturellen Bildung darauf in der Praxis reagieren.
Immer und überall
Um einen Song der Ersten Allgemeinen Verunsicherung auch gegenwärtig ein sehr passender Bandname zu paraphrasieren: Das Digitale ist immer und überall. Die digitale Unübersichtlichkeit lässt sich aber immerhin systematisch ordnen das erleichtert die Orientierung für die Forschung, aber auch für die Entwicklung und Gestaltung von Praxis. In diesem Sinne seien vier Ebenen unterschieden, die jeweils unterschiedliche Aspekte von „Digitalisierung aufweisen.
  • Einerseits lassen sich die Veränderungen auf der Klientelseite verorten, also beispielsweise der digitalen und postdigitalen Jugendkultur, an der sich viele zukünftige Entwicklungen ablesen lassen. Die einschlägigen Studien (wie JIM und KIM) zeigen seit Jahren klare Trends im Hinblick auf zunehmende digitale Technologisierung der Umwelten wie auch der Normalisierung digitaler Handlungs- und Orientierungsweisen Jugendlicher. Im Rahmen eines Forschungsprojektes zu „(Post-) Digitalen Kulturellen Jugendwelten3 haben wir unter anderem aufzeigen können, wie sich tradierte...
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aus: Schultheater Nr. 41 / 2020

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