Theresia Birkenhauer

Die Zeit des Textes im Theater

Das Theater ist ein Ort, an dem Texte als Texte erfahrbar werden können.
Das Theater ist ein Ort, an dem Texte als Texte erfahrbar werden können. , Foto: aus: Einer von uns, © Schauspielhaus Hannover, Foto: Karl-Bernd Karwasz

Theresia Birkenhauer

Die Bühne als Ort für mit jeder Inszenierung neue Spracherfahrungen

Theatertexte sind ein Gewebe unterschiedlichster Rede- und Sprachformen. Sie brauchen die Bühne, weil hier der Abstand zwischen dem Sprechen der Subjekte und der Sprache als objektiver Struktur sichtbar wird.

Der aktuelle Diskussionszusammenhang zum Thema „Drama und Theater hat sich deutlich verändert. Stand noch bis in die 80er-Jahre das Verhältnis von Text und Inszenierung im Zentrum der Diskussion die Frage, wie groß die Freiheit der Regie gegenüber dem Text sein darf oder umgekehrt wie ausgeprägt die Demut vor dem Text sein muss , so stehen heute ganz andere Dinge in Frage: nicht mehr das „Wie der Inszenierung das „Ob überhaupt. [...]
In Frage steht nicht nur die literarische Eigenständigkeit des Dramas angesichts einer zunehmenden Praxis des Schreibens mit und von der Bühne [...]. In Frage stehen ebenso der Ort und die Funktion des Textes im Theater. Wie soll man benennen, was nicht mehr eindeutig Rollentext ist: als theatrale Rede, Sprache, Sprechen, Poesie? [...]
Im Zusammenhang dieser Fragen habe ich an eine Formulierung Heiner Müllers gedacht aus einem Interview mit Robert Weimann: „[...] ich meine, dass die Zeit des Textes im Theater erst kommen wird. [...] Wäre nicht Müller, dessen Stücke das Theater radikal verändert haben, Autor dieser Sätze, könnte man sie für ein längst obsolet gewordenes Plädoyer für das Prinzip der Werktreue halten (in dem sich die Forderung nach der Treue gegenüber dem Text verbindet mit Vorstellungen von einem auf das Wort gestellten Theater).
Natürlich ist es mehr als evident, dass Müller für eine solche in der Tat anachronistische Position nicht zu vereinnahmen ist. Um so aufschlussreicher ist deshalb die Frage, wie sich Müllers Bekenntnis zu einem Theater des Textes unterscheidet von dem, was man gemeinhin Literaturtheater nennt, einem Theater, das ganz selbstverständlich von sich in Anspruch nimmt, den Text vor allem anderen in das Zentrum der Aufführung zu stellen.
Eben diesen Anspruch spricht Müller diesem Theater ab: Die Praxis des Literaturtheaters bezeichnet er als „Texte verwalten, als „Administrieren von Texten, seine Schlussfolgerung ist deshalb prinzipiell: „Mir scheint, dass wir im Theater noch gar nicht wirklich mit Texten gearbeitet haben. [...]
Die Gegenwart des Theaters gibt Texten eine zweite Zeit
Im Kontext des Interviews präzisiert Müller seine Überlegungen, es geht ihm um die „eigene Wirklichkeit von Texten: „Der Text im deutschen Theater wird nicht als Wirklichkeit anerkannt, er wird nur benutzt, um Mitteilungen über Wirklichkeit zu machen. Und das ist eine Degradierung von Texten, das negiert die eigene Wirklichkeit von Texten. Und noch radikaler: „Mich beschäftigt die Frage, wie ein Text, unabhängig vom Schauspieler, der ihn spricht, auf der Bühne zur Realität werden kann.
Was ist damit gemeint, was ist die „eigene Wirklichkeit von Texten? Die Formulierung widerspricht einem Selbstverständnis, das das moderne europäische Theater seit dem 18. Jahrhundert geprägt hat. Hier ging es stets darum, Texte (als Texte) zum Verschwinden zu bringen: den toten Buchstaben durch die lebendige Bewegung, die Künstlichkeit der Schrift durch die Realität des Körpers, die Linearität des Satzes durch die singuläre Geste, das Schwarz-Weiß der grafischen Schriftspur durch die Farbigkeit des Dekors.
Daraus begründet sich die tradierte Arbeitsteilung zwischen Literatur und Theater: Texte sind auf die Bühne angewiesen, weil sie erst hier zu ihrer Bestimmung finden: als Rede lebendiger Menschen, als Äußerung fiktiver Figuren.
In Müllers Sätzen hingegen formuliert sich eine Umkehrung: Das Theater ist ihm zufolge ein Ort, um Texte als Texte erfahrbar zu machen. Damit widerruft er das geläufige Verständnis. Wenn er sagt, dramatische Texte sind auf das Theater angewiesen, dann gerade nicht, weil sie der Ausdrucksmittel der Bühne bedürfen...
Schultheater
Sie sind bereits Abonnent?

Mein Konto

Weiterlesen im Heft

Ausgabe kaufen

Schultheater abonnieren und digital lesen!
  • Exklusiver Online-Zugriff auf Ihre digitalen Ausgaben
  • Print-Ausgabe der abonnierten Zeitschrift bequem nach Hause
  • Zusatzvorteile für Abonnenten im Online-Shop genießen

Zeitschrift abonnieren

Fakten zum Artikel
aus: Schultheater Nr. 37 / 2019

Gegenwart in Stücken

Premium-Beitrag der Zeitschrift Schultheater Theorie Schuljahr