André Studt

Die Sinnlichkeit der Smombies

André Studt

Warum der Weltzugang über digitale Kanäle nicht unsinnlich ist

Smombies: Zombigleich ihren starren Blick auf das Smartphone gerichtet, nehmen sie ihre Umwelt nicht mehr wahr … Aber unabhängig von Klischees: Wie sinnlich ist die Wahrnehmung der Smartphone-Generationen wirklich, und welche Potenziale bieten diese für das Theater?

Irgendwo, als es um das Für und Wider der szenischen Beschäftigung eines Schultheaters mit dem omnipräsenten Phänomen des Digitalen ging, las ich, dass „Theater als eines der wenigen körperorientierten Fächer () zumindest teilweise sein Kernthema (Körper als ästhetisches Instrument) zugunsten eines unsinnlichen Weltzugangs verlöre.
Dies ist mit Blick auf die allgemeinpädagogische Perspektivierung des Schulunterrichts, wo es auch immer um die konstitutive Integration der Körper der Schülerinnen und Schüler gehen sollte, irritierend. Und es ist zudem in Bezug auf eine substanziell mögliche Beschäftigung mit der Hard- und Software, die die Basis dessen, was als Konsequenz der Digitalisierung spürbar und als Kultur der Digitalität (er-)lebbar ist, in mancher Weise irrig.
Wer könnte denn ernsthaft widersprechen, wenn man die Dimensionen dessen, was uns per Computer von unserer Welt erschlossen wird, als das Gegenteil eines „unsinnlichen Weltzugangs beschriebe?
Ist es nicht eher zu viel als zu wenig?
Welche Generation vor uns konnte denn in diesem Umfang Anteil nehmen am Schicksal von gleichzeitig mit uns auf diesem Planeten lebenden Mitmenschen und hatte per Netzwerk potenziell Kontakt zu Leuten in anderen Ländern, Kontinenten, Kulturen? Was wussten wir über den Alltag anderer, wie hat sich das Leben der Anderen in unser eigenes Dasein eingeschrieben? Sogar die sonst einsam gebliebenen Nerds und Sonderlinge finden Anschluss in Blasen und Foren und bleiben dort nicht allein (was freilich nicht automatisch zur humanistischen Errungenschaft wird).
Sicherlich sind diese Phänomene eine mentale Herausforderung und stellen, gerade wenn man denkfaul ist (was kein Fehler sein muss), eine Überforderung dar. Aber in diesem Zusammenhang von Unsinnlichkeit zu sprechen, ist gelinde gesagt gewagt
Und die Körperlichkeit?
Ein potenzieller Overkill an sinnlicher Weltwahrnehmung kann dazu führen, dass man aufgrund der Komplexität dieser sichtbar (ggf. auch fühlbar) werdenden Welt abschaltet und körperlich regrediert. Bezogen auf die Hand hat der Kulturanthropologe André Leroi-Gourhan formuliert: „Es wäre nicht sonderlich wichtig, dass die Bedeutung der Hand () abnimmt, wenn nicht alles darauf hindeutete, dass ihre Tätigkeit eng mit dem Gleichgewicht der Hirnregionen verbunden ist () Mit seinen Händen nicht denken können bedeutet, einen Teil seines normalen und phylogenetisch menschlichen Denkens zu verlieren. Auf der Ebene des Individuums und vielleicht auch () der Spezies stehen wir also in Zukunft vor dem Problem einer Regression der Hand. (aus: Hand und Wort. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 1988 (1965), S. 320).
So sehen wir in der Interaktion mit dem Smartphone eine modifizierte Körperlichkeit: Die auf die kleinen Bildschirme fixierten User bekommen vielleicht einen Buckel, schlechte Augen etc. die Hand jedoch erhält zentrale Aufgaben: Unglaublich schnell rasen Fingerkuppen über Schnittstellen. Die Präsentation von Infografiken im TV involviert Moderatoren ganzkörperlich, wenn sie durch die Charts swipen. Und Gamer sind sehr geübt darin, die Motorik ihrer Hände an die Gegebenheit der Konsolen anzupassen etc
Einige weitere Phänomene seien hinzugefügt: Ein virtuelles Menschen-Double triggert instinktiv Unbehagen. Deepfakes sind (vor allem für Verschwörungstheoretiker) eine folgerichtige Erweiterung des (politischen) Diskursraumes und bestimmte Netzphänomene regen dazu an nachzumachen, was man online sieht. Auch ein Wandel im Sexualverhalten durch die Verfügbarkeit pornografischer Inhalten ist vieles aber sicher nicht unsinnlich!
Wie wäre...
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Fakten zum Artikel
aus: Schultheater Nr. 41 / 2020

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Premium-Beitrag der Zeitschrift Schultheater Theorie Schuljahr 7-13