Leopold Klepacki

Das fremde Moment?

Theaterspiel ist eine sinnliche und ästhetische Ausdrucksform. Dennoch ist Wissen vielfältige Grundlage jeder Praxis und alles andere als ein fremdes Moment.
Theaterspiel ist eine sinnliche und ästhetische Ausdrucksform. Dennoch ist Wissen vielfältige Grundlage jeder Praxis und alles andere als ein fremdes Moment. , Foto: © Monkey Business Images/shutterstock.com

Leopold Klepacki

Theorie im Theaterunterricht

Theater in der Schule wird als ästhetischer Praxisbereich gedacht, konzipiert und praktiziert und dementsprechend oftmals in positiver Abgrenzung zu anderen schulischen Formen und Inhalten als besonderer schulischer Kontext stark gemacht. Im Theaterunterricht geht es in der Regel nicht so sehr um die kognitiv-rationale Auseinandersetzung mit abstrakten bzw. theoretischen Inhalten, sondern um konkrete Erfahrungen. Dementsprechend werden in Diskursen über Theater in der Schule Aspekte wie Körperlichkeit, Materialität, Sinnlichkeit, Handlungsbezug, aktive Gestaltung usw. betont.

Es dürfte unstrittig sein, dass Theaterunterricht gerade deshalb schulisch-pädagogisch von Interesse ist, weil hier Körperlichkeit, Sinnlichkeit, Handlungsbezug, aktive Gestaltung usw. betont werden. Aber: Die körperlich-sinnlich-ästhetische Praxis des Schultheaters ereignet sich nicht in einem luftleeren Raum. Vielmehr ist sie eingewoben in ein dichtes Netz unterschiedlicher, in Diskursen erzeugter und formierter, in Dokumenten (z.B. Lehrplänen und Unterrichtswerken) organisierter und manifestierter bzw. in Lernprozessen der am Theaterunterricht Beteiligten erworbener Wissensformen und Wissensbestände.
Wie jeder andere Unterricht ist Theaterunterricht dementsprechend rückgebunden an multiple Wissenskonglomerate. Das gilt sowohl im Hinblick auf die Artikulation der Unterrichtgegenstände, die didaktisch-methodischen Rahmungen und die Vollzugsmodalitäten als auch hinsichtlich der subjektbezogenen, schüler- und lehrerseitigen Dispositionen des konkreten Vollzugs bzw. von ästhetisch-performativen Spielprozessen.
Strukturell betrachtet wäre es somit gerade die Fokussierung theatraler Praxis im und durch Theaterunterricht, die eine explizite und systematische sowie reflexive Auseinandersetzung mit Wissen im Sinne einer Theoretisierung theatraler Spielprozesse, theatraler Formen und Konventionen, theatraler Ideen und Vorstellungen usw. als notwendig erscheinen lässt. Dezidierte Theorieelemente bzw. Theorieeinheiten wären in dieser Logik deshalb auch keine „Add-ons oder erratischen Blöcke in der Eigendynamik des Spielprozesses, sondern inhaltliche, didaktische und auch bildungstheoretische Möglichkeitsmomente. Sie können das initiieren, was wissenschaftstheoretisch „Abduktion genannt wird. Bei diesem Vorgang wird hinsichtlich einer konkreten Gegebenheit, einer konkreten Situation, eines konkreten Phänomens eine angemessene theoretische Erklärung gefunden, die eine neue Sichtweise eröffnet, die wiederum ihrerseits bei „Problemen handlungsfähig macht, angesichts derer wir zuvor handlungsunfähig waren (Reichertz 2013, zit. in: Herzog 2018, S. 817).
Subjektiv-narratives Wissen
Vor diesem Hintergrund kann erstens konstatiert werden, dass Praxis nicht ohne Wissen vollzogen werden kann, und zweitens, dass Wissen nicht gleich Wissen ist (vgl. Knoblauch 2014, S.351ff.). Es gibt unterschiedliche Formen des Wissens (z.B. theoretisches bzw. deklaratives oder explizites Wissen einerseits und praktisches bzw. prozedurales oder implizites Wissen andererseits). Folgerichtig muss nicht nur davon ausgegangen werden, dass im Theaterunterricht eine komplexe Gemengelage des Zusammenhangs von Wissen und Praxis (vgl. Schäfer 2016) virulent ist, sondern, dass sowohl aufseiten der Lehrkräfte als auch aufseiten der Schülerinnen und Schüler bestimmte (und mit hoher Wahrscheinlichkeit stark voneinander abweichende) Wissensformen und Wissensbestände als Grundierung oder Bedingung der Möglichkeit von Theaterunterricht bzw. von theatraler Praxis wirksam sind.
Anders ausgedrückt: Theaterlehrkräfte haben auf einer ersten Ebene neben einem (praktischen und theoretischen) Wissen über das, was Schule ist, was Theater(unterricht) ist, was Schülerinnen und Schüler (im Theaterunterricht) sind und sollen usw., insbesondere auch ein Wissen darüber, wie Theaterunterricht didaktisch zu planen und...
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Fakten zum Artikel
aus: Schultheater Nr. 42 / 2020

Theorie

Premium-Beitrag der Zeitschrift Schultheater Theorie Schuljahr 3-13