Alexander Kerlin antwortet auf Fragen von André Studt

„Schauspieler wollen spielen!“

„Die Parallelwelt“ von Alexander Kerlin, Eva Verena Müller und Kay Voges: Die Aufführung hat zeitgleich im Berliner Ensemble (rechts oben, links unten) und im Schauspiel Dortmund (links oben, rechts unten) stattgefunden.
„Die Parallelwelt“ von Alexander Kerlin, Eva Verena Müller und Kay Voges: Die Aufführung hat zeitgleich im Berliner Ensemble (rechts oben, links unten) und im Schauspiel Dortmund (links oben, rechts unten) stattgefunden. , Foto: © Birgit Hubfeld

Alexander Kerlin antwortet auf Fragen von André Studt

Ein Interview

Auch während der Corona-Krise suchen Theaterschaffende Wege zum Publikum. Aber: „Alle freuen sich darauf, wieder gemeinsam im selben Raum zu sein …“, so Alexander Kerlin, einer der Begründer der Dortmunder Akademie für Theater und Digitalität. André Studt sprach mit dem Dramaturgen über die aktuelle Situation und seine Erfahrungen mit digitalem Theater. (s. Kasten inkl. Foto 1 )

Viele Kultureinrichtungen reagieren auf den Corona-Shutdown durch die Verlagerung ihres Betriebes in digitale Kanäle. Auch die Konferenz staging complexity zu Kunst und Theater im digitalen Zeitalter, die von der Dortmunder Akademie mitveranstaltet wurde, fand ohne Workshops und Präsentationen online statt. Welche ersten Erkenntnisse hast du von dieser notgedrungenen Verlagerung in den Stream gewonnen?
AK: Es ist in dieser Phase wichtig, Kontakt mit dem Publikum zu halten und zu sagen: Wir sind noch da, uns gibt es noch. Das hat viele Kultureinrichtungen und gerade die Stadttheater dazu bewegt, mit schnellen Formaten wie Onlinelesungen, Streamings oder Diskussionsveranstaltungen im digitalen Raum zu reagieren. Das erfüllt seinen Zweck erstmal ganz gut. Hier in Wien hat unser Format #MyHomeIsMyBurghteater, bei dem Schauspielerinnen und Schauspieler aus Büchern lesen, die ihnen etwas bedeuten, Klickzahlen im fünfstelligen Bereich. Oder ein 100-teiliges Décamérone-Hörspiel mit Sprecherinnen und Sprechern aus der ganzen Welt, das wir mit dem französischen Regisseur Sylvain Creuzevault organisieren.
Allerdings zeigt sich jetzt nach etwa vier Wochen Isolation, dass die Ermüdungserscheinungen bereits groß sind: Wir starren ja alle täglich mehrere Stunden auf Bildschirme bei unseren Sitzungen und Meetings, z.B. über Zoom. Wer kann ernsthaft von sich behaupten, er oder sie wolle jetzt gerne noch mehr Einblicke in fremde Wohnzimmer haben mit Bücherwänden, Leuten, die da irgendwas performen, singen, lesen? Die Halbwertszeit dieser Formate ist doch sehr gering, und der Markt ist vollkommen gesättigt, niemand kann das alles konsumieren egal ob live oder abrufbereit in einer Art Mediathek. Und eine Probebühne lässt sich so auch nicht simulieren.
Wir suchen deshalb gerade nach Wegen, etwas weniger zu produzieren, aber dafür genauer, aktueller, politischer, spielerischer: in der direkten Zusammenarbeit mit Autorinnen und Autoren etwa. Ich muss aber sagen, alle freuen sich darauf, wieder gemeinsam im selben Raum zu sein und konkret miteinander zu arbeiten.
In deiner Zeit als Dramaturg am Theater in Dortmund hast du gemeinsam mit dem dort wirkenden Intendanten Kay Voges die Akademie für Theater und Digitalität gegründet. Kannst du kurz beschreiben, was euch damals zu diesem Schritt bewogen hat?
AK: Wir haben seit ca. 2011 zunehmend mit neuen Theaterformen experimentiert, die sich immer wieder auch digitalen Technologien und ihren neuesten Anwendungen bedient haben. Wir wollten wissen: Was ist möglich, und wie kann man diese technischen Fortschritte mit Mitteln der Kunst besser verstehen und ohne Moralismus kritisch befragen? Wir haben mit Livekameras gearbeitet, was aufgrund der gestiegenen Rechenleistungen inzwischen mit Color-Correction in Kinoqualität möglich ist. Wir haben Apps programmiert und in Vorstellungen benutzt, Herzfrequenz und Temperatur von Schauspielerinnen und Schauspielern während der Vorstellung in Musik verwandelt, das Publikum twittern lassen und die Tweets in die Vorstellung eingebaut, mit Techniken des Echtzeit-Loopens und Remix gearbeitet. Und wir haben Onlinestreams aus der ganzen Welt in Vorstellungen integriert, Parallelvorstellungen zwischen Berlin und Dortmund inszeniert und sogar eine Vorstellung ganz ohne Schauspielende konzipiert, in der die Fabel nur noch durch Programmierer und Daten erzählt wurde.
Irgendwann, so etwa 2015, haben wir aber bemerkt, dass wir an eine gläserne Decke stoßen. Es waren sehr viele Ideen und Wünsche...
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Fakten zum Artikel
aus: Schultheater Nr. 41 / 2020

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