André Studt

Was ist „Globalisierung“? Mit dem Stück „Das Ding“ wollte sich Philipp Löhle dem Wort nähern.
Was ist „Globalisierung“? Mit dem Stück „Das Ding“ wollte sich Philipp Löhle dem Wort nähern. , Szenenfoto aus „Das Ding“, Deutsches Schauspielhaus Hamburg 2011, © Kerstin Schomburg

André Studt

Interview mit Philipp Löhle

sprach mit Philipp Löhle, einem der meistgespielten deutschen Gegenwartsautoren, über das Schreiben fürs Theater, über andere aktuelle Dramatiker und über zeitgenössische Texte im Schultheater.

„Der Text, den ich aufschreibe, der ist erstmal gar nichts
Philipp Löhle
Philipp Löhle
Philipp Löhle wurde 1978 in Ravensburg geboren; er hat Geschichte, Theater- und Medienwissenschaft und deutsche Literatur in Erlangen und Rom studiert und erste Theaterstücke schon während des Studiums verfasst und inszeniert. Er bekam einige Preise und arbeitete als Hausautor am Maxim Gorki Theater in Berlin, am Nationaltheater Mannheim und am Staatstheater Mainz. Aktuell ist er „Haustronaut am Staatstheater Nürnberg.
Schreiben als Form ist das nicht anachronistisch?
Falls damit gemeint sein soll, dass Schreiben überholt und nicht mehr zeitgemäß ist, weil es ja den Film und das Internet und sogenannte „neue Medien gibt, kann ich nur sagen: Es war noch nie so, dass eine Kunstform ausgestorben ist, weil eine andere hinzukam. Die Höhlenmenschen haben mit der Malerei angefangen. Die hat auch bis heute überlebt.
Kommt man unserer Gegenwart überhaupt noch schreibend bei?
Auf jeden Fall. Es gibt nichts und niemandem, dem man schreibend nicht beikommen kann, weil: Schreiben ist Denken, und man kann ja über alles nachdenken. Auch Dinge, über die man nicht nachdenken kann, oder etwas, das man sich nicht vorstellen kann, können ja durchaus durch- und bedacht werden. Hinzu kommt, in meinem Fall: Ich erstelle kein Schriftstück, ich schreibe ja keinen Roman. Das, was ich anfertige, ist erstmal nur eine Grundlage, eine Spielanordnung, eine Spielidee. Natürlich ist das gestaltet und kostet mich viel Hirnschmalz, aber der Text, den ich da aufschreibe, der ist erstmal gar nichts. Der wird erst was, wenn ihn jemand spricht. Ein Buch, das keiner liest, ist trotzdem ein Buch. Einen Theatertext, den keiner spielt, ist ein ungefalteter Papierflieger. Wobei dazu müsste man ihn ja zumindest schon mal ausdrucken.
Inwieweit ist die beziehungsweise deine Gegenwart Impuls für deine Texte?
Die Gegenwart ist der Hauptimpuls für meine Texte. Ich ziehe alles daraus. Ich habe ja tagtäglich mit Gegenwart zu tun. Da bietet sich das an. Das kann eine ganz naive Frage zu einem Thema sein oder ein Ereignis, das so absurd ist, dass es im allgemeinen Trubel gar niemand bemerkt. Aber wenn man solche Dinge ausschneidet und als Fiktion auf einer Bühne zeigt, kriegt man sie im besten Fall besser gegriffen. Sich durch Entfernen annähern. Durch Überhöhung Klarheit schaffen.
Woran orientierst du dich, um deine Gegenwart zu erfassen und zu verarbeiten?
Ich orientiere mich an gar nichts. Ich glaube, dass ich beim (H)Erstellen eines Textes über etwas nachdenke. Das ist ein großer Luxus, den diese Arbeit mit sich bringt. Und weil ich ganz alleine beim Schreiben bin, ist es auch total egozentrisch und egoistisch. Aber da muss man durch. Da ich nur ein kleiner Mensch in einer großen, unübersichtlichen Welt bin, gibt es ziemlich viel, was ich nicht verstehe, und durch meine Texte versuche ich eben, etwas zu begreifen. Ich habe mal ein Stück geschrieben, das heißt DAS DING. Ausgangspunkt hierfür war eigentlich nur das Wort Globalisierung. Das geistert immer überall rum und alle benutzen es, aber wahrscheinlich hat keiner eine Ahnung, was es denn tatsächlich bedeuten soll. Ich habe dann in meinem Text versucht, wenigstens für mich, zu verstehen, was das ist.
Theater als Betrieb, als Institution ist langsam, das heißt zwischen dem Zeitpunkt des Formulierens in der Schreibstube und dem Zeitpunkt des Artikulierens auf der Bühne vergeht Zeit: Wie gehst du damit um, dass deine Texte so etwas wie Tagesaktualität nicht erreichen können?
Ach, so langsam ist Theater gar nicht. Ich habe gestern von einem Comic-Buch-Zeichner gelesen, der hat 23 Jahre an seinem Comic gemalt. Einen Film zu drehen dauert fünf...
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Fakten zum Artikel
aus: Schultheater Nr. 37 / 2019

Gegenwart in Stücken

Premium-Beitrag der Zeitschrift Schultheater Theorie