Anna-Lena Hagen und Holger Warnecke

Was darf das Theater an der Schule?

Die Rolle der Lehrerin, die ihre Schülerinnen und Schüler mit vorgehaltener Waffe zur Beschäftigung mit Schiller zwingen will, wurde mit einer Profi-Schauspielerin besetzt.
Die Rolle der Lehrerin, die ihre Schülerinnen und Schüler mit vorgehaltener Waffe zur Beschäftigung mit Schiller zwingen will, wurde mit einer Profi-Schauspielerin besetzt. , Foto: Kai Kämmerer

Anna-Lena Hagen und Holger Warnecke

„Verrücktes Blut von Nurkan Erpulat und Jens Hillje ein Aufreger an der Goetheschule Hannover

Schon das Vorhaben, „Verrücktes Blut auf die Schulbühne bringen zu wollen, sorgte für Widerstand bei einigen Schülern. Als eine Mädchengruppe das Projekt dennoch umsetzte, schlugen die Wogen immer höher. Und schließlich zeigte genau dies, welche Relevanz Schultheater haben kann.

Theater ist wirksam. Und manchmal sogar noch viel bedeut- und wirksamer, als man sich das vorab ausmalen kann. Die Entscheidung von uns, Regisseur Holger Warnecke und Dramaturgin Anna-Lena Hagen, „Verrücktes Blut mit der Theater-AG auf die Bühne der Goetheschule Hannover zu bringen, lässt sich als Exempel dafür lesen, was modernes Theater an der Schule theaterästhetisch und bildungspolitisch auszulösen vermag.
Das Stück
Worum geht es in „Verrücktes Blut? Mit ihrer schrillen, schwarzhumorigen Darstellung der Zustände in einer deutschen Schule landeten Nurkan Erpulat und Jens Hillje einen der größten Theatererfolge der letzten Jahre. Das Stück thematisiert das gewaltvolle Aufeinanderprallen differenter kultureller Wert- und Glaubenssysteme anhand einer Schulklasse und ihrer Lehrerin (s. auch Beitrag Blum). Sonia Kelich, hoch motivierte Theater-Lehrerin mit Reclam-Heften unter dem Arm, will ihren Schülern Schillers idealistische Vorstellung vom klassischen deutschen Theater spielpraktisch vermitteln. Doch Musa, Latifa, Bastian, Hakim, Ferit, Mariam und Hasan boykottieren den Unterricht mit allen Mitteln. Plötzlich fällt bei einem Gerangel eine Pistole aus einer Tasche. Sonia Kelich zögert nur kurz und zwingt dann die Schüler mit vorgehaltener Waffe, „Die Räuber und „Kabale und Liebe zu spielen. Ihr Ziel ist es, in der Konfrontation mit Theater und Literatur die Schüler*innen dazu zu bringen, eigene Denk-, Wahrnehmungs- und Handlungsmuster kritisch zu hinterfragen. Mit dieser Geiselnahme beginnt ein aberwitziger und mutiger Theaterspaß.
Theaterästhetisch und dramaturgisch ist das Stück voller überraschender Wendungen, Brüche und greller Scherze, und es ist eine lustvolle und provokante Dekonstruktion aller vermeintlich klaren Rollen und Identitäten. Schonungslos wird mit Vorurteilen und Klischees zu Islam, Deutschen, Frauen, Lehrer*innen und Schüler*innen gespielt. Ein schwerer Stoff also in vielerlei Hinsicht. Soll der wirklich auf eine Schulbühne? Gerade an einer Schule mit einer sehr heterogenen Schülerschaft, in der täglich Schüler*innen aus 12 verschiedenen Kulturen mit unterschiedlichen religiösen Ansichten, Sprachen, Traditionen und Lebensentwürfen aufeinander treffen?
Ein Stoff für die Schulbühne?
Überzeugt von der Relevanz des Stückes beantworteten wir diese Fragen mit einem klaren Ja. Ein wesentlicher Grund für diese Entscheidung war auch die Erkenntnis, dass das Stück eine Fülle von Fragen, Konflikten und Themen umkreist, die gesellschaftlich 2017 und nicht erst zu diesem Zeitpunkt auf der Tagesordnung standen, und die natürlich auch im Verdichtungsraum Schule in jedem Moment greifbar waren und sind:
  • Wie kann Bildung gelingen, wenn sich soziale und kulturelle Hintergründe der Lernenden immer stärker unterscheiden?
  • Was ist Bildung?
  • Welche Relevanz haben die literarischen Stoffe der Vergangenheit für uns heute?
  • Was bedeutet es praktisch, in einer sozial und kulturell sehr disparaten Gesellschaft zusammen zu leben?
  • Wie weit geht Toleranz?
  • Was verstehen wir gesellschaftlich und lebenspraktisch unter Integration oder Assimilation?
  • Welche Freiheiten im Spiel darf sich das Theater nehmen, um all das zu erkunden?
  • Was kann ästhetische Bildung bewirken?
Deutlich wird: Das Stück ist seit seiner Uraufführung im Jahr 2010 immer aktueller geworden und hat durch die Zuwanderungen und gesellschaftlichen Transformationen in den letzten Jahren zusätzlich an Brisanz gewonnen. Genau solche Stücke und Inszenierungen gehören in den Erfahrungsraum Schule.
Große...
Schultheater
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Fakten zum Artikel
aus: Schultheater Nr. 38 / 2019

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