Matin Soofipour Omam

Überall gibt es Bäume

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Matin Soofipour Omam

Willkommen in Willkommensklassen

Die Autorin berichtet aus ihrer Zeit als Theaterpädagogin am GRIPS Theater Berlin von ihrer Theaterarbeit mit Gruppen, in denen geflüchtete Schülerinnen und Schüler zunächst Deutsch lernen sollen.

Es ist ein schöner Morgen im Oktober 2014 und ich bin auf dem Weg zu einer Schule in Berlin, um einer „Willkommensklasse einen Vorbereitungsworkshop für den gemeinsamen Besuch des Theaterstücks „Die besseren Wälder am GRIPS Theater Berlin zu geben. Ich erinnere mich daran, wie die Lehrerin zuvor am Telefon sagte, dass die Schüler*innen nicht gut Deutsch sprechen können, und wie ich versucht habe, das Gespräch so kurz wie möglich zu halten, damit sie nicht gleich merkt, dass auch ich nicht perfekt Deutsch spreche.
Es ist meine erste Spielzeit im Theater und alles ist sowieso sehr aufregend. Damals schrieb ich für jeden Workshop einen ausführlichen Ablauf. Ich blieb nicht nur bei den Namen der jeweiligen Spiele und Übungen, die ich vorhatte, im Workshop zu praktizieren, sondern ich schrieb auch die dazugehörigen Beschreibungen. Aber nicht, weil ich nicht wusste, wie sie funktionierten, sondern weil ich mich in der deutschen Sprache nicht sicher fühlte und wusste, wie wichtig es ist beim Leiten eines Spiels, die Spielregel klar und deutlich zu formulieren.
Ich schrieb sogar auf, wie ich mich am Anfang des Workshops vorstellen soll, und übte es, damit ich alles auf Deutsch richtig sage.
Ich komme in die Klasse. Es gibt schon einen Stuhlkreis und die Schüler sitzen brav im Kreis. Ich schaue in die Runde und spüre eine große Sympathie, die ich weiß nicht woher kommt.
Verständigung, wenn die Sprache fehlt
Das erste Spiel ist nichts anderes als das bekannte Blickrunde-Spiel (s. Kasten „Übung).
Übung: Blickrunde
Übung: Blickrunde
Alle sitzen im Kreis. Der oder die Spielleiter*in beginnt, der nächsten Person im Kreis in die Augen zu schauen. Es geht darum, sich gegenseitig wahrzunehmen. Der Blick sollte mindestens vier Sekunden lang gehalten werden und es sollte dabei nicht gesprochen werden. Dann wird der Blick zur nächsten Person weitergegeben. So wandert der Blick einmal im Kreis, bis er wieder zur Spielleiter*in gelangt.
Variante: Blickwechseln
Jeder kann sich umschauen und jemanden suchen, den er anschauen möchte. Wenn diese Person den Blick bemerkt, nicken sich beide an und tauschen den Platz. Dabei wird nicht geredet, die Kommunikation soll nur über die Blicke erfolgen.
Das Spiel dient besonders dazu, erst einmal Ruhe in den Raum zu bringen und die Neugier der Schüler*innen zu wecken. Zudem hat man als Spielleiter*in gleich die Chance, mit wanderndem Blick von Person zu Person jedes einzelne Gesicht als Individuum wahrzunehmen und sich somit nicht in einer Masse von fremden Gesichtern zu befinden.
Es wird gekichert und gelacht. Ich lache mit. Zwischendurch sage ich, dass sie sich Zeit lassen sollen, um tief in die Augen der anderen zu schauen. Lachen sei in Ordnung, aber dabei soll nicht geredet werden, weil die einzige Sprache, die wir während dieses Spiels haben, die Sprache unseres Blicks ist. Also reden wir mit unseren Augen. Die Aufgabe: Versuche, etwas Nettes zu deinem Nachbarn zu sagen, vielleicht ein Kompliment, aber formuliere deine Gedanken nicht durch Wörter, sondern durch deine Augen in der Art und Weise, wie du die andere Person ansieht.
Ich habe anscheinend viel zu viel geredet, weil einer der Schüler unterbricht und sagt: „Die Deutschen gucken sich nicht in die Augen. Alle lachen. Ich lache unbeholfen mit und frage mich, ob er diese Bemerkungen gemacht hätte, wenn ich Deutsche gewesen wäre. Ich warte ab, bis die letzte Person im Kreis dran ist und mich anguckt. Sie lächelt und nickt. Der Blick hat seine Runde im Kreis gemacht und ist wieder bei mir. Eigentlich steht in meinem Ablauf, dass ich zum nächsten Spiel gehen soll: Blickwechseln. Ich lass es aber. Ich frage die Schüler*innen, ob sie tatsächlich denken, dass...
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Fakten zum Artikel
aus: Schultheater Nr. 38 / 2019

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