Sabine Kündiger

Techniken zu Themen

Liebesfilm, Echtzeitdoku, Alptraum? Es bleibt unklar, ob die Figuren in ihrer Orientierungslosigkeit real sind oder nicht.
Liebesfilm, Echtzeitdoku, Alptraum? Es bleibt unklar, ob die Figuren in ihrer Orientierungslosigkeit real sind oder nicht. , Foto:Sabine Kündiger

Sabine Kündiger

Eine Auseinandersetzung mit der Form: Falk Richters „Electronic City

Dass der Umgang mit einer Gegenwarts-Textvorlage neben dem Versuch der Identifikation mit dem Inhalt auch Widerstand im Umgang mit der zeitgenössischen Dramaturgie hervorrufen kann, beschreibt die Autorin am Beispiel von Falk Richters Stück über zwei Personen, die im modernen Leben orientierungslos sind und sich verloren fühlen.

Aus der Zeit der Arbeit am Projekt „Electronic City mit meinem jahrgangsübergreifenden DS-Grundkurs (Klassenstufen 10 – 12) im Jahr 2016 sind mir vor allem zwei Aspekte in Erinnerung geblieben: Zum einen war die Auseinandersetzung mit der Textvorlage gegenüber der Beschäftigung mit anderen bis dahin bearbeiteten Nicht-Gegenwarts-Stückvorlagen intensiver, diskursiver, polarisierender und ambivalenter als je zuvor. Zum anderen kann ich immer noch nachspüren, wie verzweifelt wir nach Antworten auf Fragen gesucht haben, die das Stück und seine Umsetzung uns stellte oder zu stellen schien. Zeitweilig waren wir kurz davor, das Projekt aufzugeben in der Annahme, nichts verstanden zu haben und dem Text und seinem Anliegen nicht gerecht werden zu können. Beide Aspekte stehen aus meiner Erfahrung beispielhaft dafür, dass die Beschäftigung mit und die Bearbeitung von Gegenwartsdramatik vielleicht anderen Prozessen unterworfen ist als die Arbeit mit „klassischen Vorlagen.
Worum geht es in „Electronic City?
Tom ist ein Manager, der ständig in der Welt unterwegs ist, sämtliche bedeutenden Flughäfen kennt und sie genauso wie die ständig wechselnden Hotelzimmer nicht mehr voneinander unterscheiden kann; alles sieht immer und überall gleich aus.
Inzwischen hat er die Orientierung verloren, er weiß nicht mehr, wo er ist: London, New York, Berlin, Seattle, Tokio, New Mexico?
Joy fällt ihm ein: Sie ist Standbykraft an den Scannerkassen internationaler Flughäfen. Heute Nacht steht sie panisch und wie paralysiert an einer Kasse irgendwo an einem Flughafen, siebenundzwanzig Businessmänner wollen ihre Sushipakete bezahlen, aber der Infrarotscanner klemmt, die Barcodes lassen sich nicht einlesen, das System kollabiert.
Tom fällt ihr ein: Verliebt haben sie sich beim Kampf um den letzten Platz an Bord eines Flugzeugs, das sie nach Hause bringen sollte. Sie prügelten sich, wurden abgeführt und zusammen in einen Glaskubus gesperrt Immer wieder suchen sie die Liebe zueinander, versuchen ihre Dienstpläne aufeinander abzustimmen, um sich für einige Minuten an irgendeinem Gate zu finden haben aber längst die Orientierung verloren in einer digitalisierten Welt mit nicht enden wollenden Zahlen- und Datenströmen und Handyklingeltönen, von denen sie sich mitgerissen, hinweggespült fühlen.
Falk Richters postdramatischer Text lässt immer wieder im Ungewissen darüber, ob hier eigentlich nur ein Filmteam versucht, eine moderne Liebesgeschichte zu drehen, ob das Leben von Tom und Joy gerade in einer Echtzeitdokusoap verfilmt wird oder ob es sich schlichtweg um einen Alptraum handelt, aus dem die Figuren nicht aufwachen können. Abrupte Wechsel zwischen verschiedenen Schauplätzen, Textbrüche und assoziative Gedankenströme erwecken Unsicherheiten und provozieren beim Rezipienten ähnliche Erlebensgefühle, wie sie die beiden Figuren Tom und Joy haben.
Äquivalenz von Inhalt und Form
Es lässt sich für den Theaterunterricht beobachten, dass bei der Wahl von dramatischen Stoffen diejenigen bevorzugt werden, welche Archaismen oder Grundemotionen freilegen (als Beispiel sei hier die häufige Wahl von Shakespeares Stücken genannt) und die der klassischen Dramaturgie vom Spannungsaufbau mit Höhepunkt und Katastrophe folgen. Eine Aufgabe für die Theaterlehrkraft kann darum sein, den Blick und das Verständnis der Schülerinnen und Schüler wegzulenken von den bekannten Strukturen klassischer Dramatik und für die breite Palette an Möglichkeiten der Übertragung zeitgenössischer Dramatik in dramaturgische Verfahrensweisen...
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Fakten zum Artikel
aus: Schultheater Nr. 37 / 2019

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