Helena Radman

Starting Points

Die Clique im Stück „Dachboden-Karusell“
Die Clique im Stück „Dachboden-Karusell“ , Foto: © Elbstiftung

Helena Radman

Ausgangspunkte beim Entwickeln einer Eigenproduktion

Die Arbeit mit einem neuen Kurs beginnt. Die ersten Proben sind gut gelaufen, und die Teilnehmer werden langsam miteinander warm. Nun warten alle gespannt darauf, welches Theaterstück sie spielen werden. Und dann kommt die Überraschung: Wir entwickeln selber eins! Mit jedem neuen Theaterprojekt stehe ich vor der Herausforderung: Wie fange ich die Stückentwicklung mit der Gruppe an?

In meiner Praxis haben sich einige Herangehensweisen bewährt, wie mit Schultheatergruppen der Einstieg in die Entwicklung eines eigenen Stückes gelingen kann. Am Anfang war
Am Anfang war die Gruppe
Für die Entwicklung eines Theaterstückes ist die Haltung und Zusammensetzung der jeweiligen Gruppe von großer Bedeutung. Mal sind die Kinder verspielter und haben Lust, „so richtig Theater zu spielen, mal sind sie reifer, verkopfter und können sich inhaltlich tiefer mit einem Thema auseinandersetzen. Hinzu kommen auch objektive Fähigkeiten jeder und jedes Einzelnen.
Um herauszufinden, was meine Teilnehmer konkret mitbringen, gebe ich in der Anfangsphase folgende Aufgabe:
Überlege dir für die nächste Probe einen Solo-Auftritt, bei dem du uns zeigst, was du besonders gut kannst. Du könntest tanzen, singen, ein Instrument spielen, aber auch Geräusche machen, eine Sportübung zeigen oder Ähnliches. Du kannst auch Kaugummi kauen, wenn du das besonders gut kannst. Wichtig ist, dass dein Auftritt einen klaren Anfang und ein klares Ende hat.
Nun sind viele Schülerinnen und Schüler schüchtern oder nehmen ihre Fähigkeiten als selbstverständlich hin. Sie trauen sich nicht, sich vor der Gruppe zu zeigen. Deswegen beherzige ich den Tipp meiner ehemaligen Dozentin Nadja Raszewski, die Teilnehmer in den Pausen zu beobachten. Einmal spielten die Schüler in der Pause gern mit Hula Hoop-Reifen und warfen sie über andere Schüler. Das Spiel übernahm ich für einen Stückanfang.
Bei solchen Beobachtungen entdecke ich, wer akrobatisch ist, gut Fußball spielen kann, lustige Grimassen schneidet oder sich witzige Spiele überlegt. Diese zufällig entdeckten Begabungen nutze ich insbesondere in der Figurenarbeit und später als praktische Hilfestellungen bei der Inszenierung: Jemand, der gut pfeift, kann auch in der Rolle pfeifen, die gute Fußballspielerin, bekommt auf der Bühne einen Ball als Requisite. Sofort ist die Person im eigenen Element, entspannter, hat einen klaren vertrauten Fokuspunkt (pfeifen, Fußball) und spielt überzeugender. So kann sie auch einen längeren Monolog halten, ohne dass es steif und auswendiggelernt klingt. Außerdem können diese Fähigkeiten als Ausgangspunkt für eine Szene sein. Eine mögliche Improvisationsaufgabe wäre:
Überlegt euch eine Szene, in der jemand ein Instrument spielt. Wer ist die Person? Wo findet die Szene statt? Was passiert?
Viele meiner Jugendlichen haben eine zweite Muttersprache. Für die Mehrheit stellt es eine Hürde dar, diese Sprache vor anderen und besonders auf der Bühne zu sprechen. Ich baue die zweiten Sprachen gern in die Stücke ein, indem ich die einzelnen Figuren eine andere Sprache sprechen oder in einzelnen Szenen viele unterschiedliche Sprachen vorkommen lasse. Wenn ich das vorhabe, dann gebe ich das als klare Improvisationsaufgabe:
Entwickelt eine Szene, in der jemand eine andere Sprache spricht.
So entstand in einem Stück eine Szene, in der die Hauptperson in einem Land gelandet ist, in dem alle eine andere Sprache sprechen.
Am Anfang war das Thema
Unabhängig davon, ob ein Thema von den Jugendlichen kommt oder vorgegeben wird, müssen die Jugendlichen den Stoff zu ihrem eigenen machen. Nur so können sie ihre Geschichten auf die Bühne bringen und überzeugend spielen. Deswegen überlege ich mir Fragen zu einem Thema, z.B. zu Umwelt:
Wie wird sich das Leben auf der Erde in der Zukunft entwickeln? Wovor hast du Angst? Was tust du für die Umwelt? Könntest du mehr tun? Was sind deiner Meinung nach Hamburger...
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Fakten zum Artikel
aus: Schultheater Nr. 43 / 2020

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