Virginia Thielicke

Nach dem Spiel ist vor dem Spiel

Lehrende und Lernende müssen darauf vertrauen, dass aus der gemeinsamen Arbeit etwas Sehenswertes entsteht.
Lehrende und Lernende müssen darauf vertrauen, dass aus der gemeinsamen Arbeit etwas Sehenswertes entsteht. , Foto: © picture alliance/dpa/Bodo Marks

Virginia Thielicke

Gedanken zum Schuljahres- und Projektanfang

Das Dilemma mit dem Anfang beginnt eigentlich immer schon vor dem Ende: dem Ende des Schuljahres, dem Aufräumen der letzten Requisiten der Aufführung aus dem laufenden Theaterunterricht. Müde von der anstrengenden Probenzeit, den endlosen Zeugniskonferenzen und den vielen Abschlussfesten beginnt das Gedankenkarussell von vorn.

Nach dem Spiel ist vor dem Spiel: Diese Fußballerweisheit ist auch für Theaterlehrkräfte handlungsweisend: Was machen wir im nächsten Schuljahr? Was interessiert die Schülerinnen und Schüler, ist im Rahmen eines 90-minütigen Stundenkonzepts realisierbar? Was ist womöglich festivalrelevant?
Mit diesen Fragen gehen einige wichtige politische, methodisch-didaktische, künstlerische und organisatorische Fragestellungen einher, die sich dem Didaktischen Dreieck zuordnen lassen und die auf deren jeweiligen Interpendenzen und Bezüge aufmerksam machen, wie z.B.
  • Lehrer-/Schülerorientierung: Wie handhabt man Mitbestimmung sowie demokratische Entscheidungsprozessen im Theaterunterricht? Wer bestimmt, welches Thema oder welche Theaterform bearbeitet werden soll? Muss ein Konsens gefunden werden? Geht es nach der Mehrheit, oder entscheidet die vermeintliche Autoritätsperson?
  • Orientierung am Lerngegenstand/gesellschaftlichen Rahmen: Wie verhalten sich das pädagogisch-didaktische und künstlerische Prinzip des Suchens, Ausprobieren, Neu-Ansetzens und ggf. Scheiterns zum gesellschaftlichen Denkanspruch der Effizienz- und Outputorientierung?
  • Lehrerorientierung/institutioneller Rahmen: Wie geht man mit den zeitlichen Vorgaben und Ressourcen um?
Dieser Beitrag bietet einen Einblick in gefundene Kompromisse und bewährte Alltagsroutinen einer Theaterlehrkraft, die sich trotz der bestehenden Dilemmata wie viele andere jedes Jahr wieder an den Start begibt. Er hat das Ziel, Leserinnen und Lesern eine Folie zu bieten, vor der sie sich Gedanken zu ihren eigenen Herangehensweisen machen können: sei es in Übereinstimmung oder in Abgrenzung zu diesen.
Wege zum Projektbeginn
Ich beginne meine Projekte (bzw. unsere, da sie im besten Fall zu einem gemeinsamen mit den Schülerinnen und Schülern werden) meistens auf drei verschiedenen Grundlagen.
Ausgang ist meist eine diffuse Idee etwas, das mich in meiner Umwelt anspricht und nicht mehr loslässt. Das kann das Konzept einer Inszenierung (She She Pops Für alle), eine erhaltene Mail (schlecht übersetzte Spammails von vermeintlich Schicksalsgeplagten) oder eine Begegnung (mit einem Autor für Kinderphilosophie) sein.
Vor Jahren war das z.B. ein Kirchenfenster. Anstatt der üblichen bunten Mosaike oder Erzählungen der Leidensgeschichte Jesu war beim Betreten der Kirche ein helles Fenster zu sehen, an dem eine Art langer Blutstropfen hinunterlief der Lebenssaft, den wir während des Abendmahls in Form von Wein symbolisch in Gedenken an Jesus Kreuzigungsopfer zu uns nehmen. Diese rote Flüssigkeit betrifft so viele Aspekte unseres Lebens (z.B. als Krankheitsüberträger in der Medizin oder als Blutdiamant im geopolitischen Kosmos) und bietet eine Vielzahl ritueller und künstlerische Bezüge (Opfergaben und Blutsbrüderschaft oder im Schaffenswerk des Aktionskünstlers Hermann Nitsch).
Der Wunsch, mit Schülerinnen und Schülern das Thema Blut ästhetisch-performativ-theatral zu erforschen und zu bearbeiten, wandert in mein Notizbuch, das sich im Laufe der Monate mit Fundstücken, Literaturhinweisen und Wortsammlungen füllt. Wie gehe ich nun mit diesem eigenen Themenwunsch um? Wie kann er ehrlich an die Schülerinnen und Schüler herangetragen werden, ohne ihn diesen direktiv vorzuschreiben oder heimlich unterzujubeln?
Der Initialzwang
Für mich hat sich ein pädagogisches Vorgehen bewährt, das mein Vater früher Initialzwang nannte. Er wandte es bei Familienausflügen wie Waldspaziergängen und Verwandtschaftsbesuchen an. Wir mussten mitgehen und eine halbe Stunde bleiben, wenn es uns dann...
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Fakten zum Artikel
aus: Schultheater Nr. 43 / 2020

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