Bernd Ruffer

Kinder. Mord. Didaktik.

Die Expertin Hildegard Thevs gab vertiefende Informationen zu den Recherchen.
Die Expertin Hildegard Thevs gab vertiefende Informationen zu den Recherchen. , Foto: Bernd Ruffer

Bernd Ruffer

Eine Musiktheaterproduktion zum NS-„Euthanasie-Programm

Ein Theaterprojekt zum vielschichtigen Thema „Kindstötung ist ausgesprochen ambitioniert. Umso wichtiger ist ein gelungener Einstieg: Die Themenfindung, die Recherche und die Auswahl von Informationen und Materialien sowie das Finden geeigneter Kooperationspartner sind wesentlich für den Erfolg der weiteren Arbeit.

Mord an Kindern eine unerträgliche Vorstellung. Handelt es um staatlich organisierten Mord, verlangt das förmlich nach einer Steigerungsform von unerträglich. Und noch viel mehr, wenn ihn Ärztinnen, Ärzte oder Pflegepersonal begehen mehr oder weniger offen und politisch gewollt. Damit nicht genug: Es gibt keine Anklagen, keine Verurteilungen, keine Gerechtigkeit. Unglaublich, aber geschehen: zwischen 1941 und 1945 im ehemaligen Kinderkrankenhaus Rothenburgsort.
Als ich meinen Kolleginnen und Kollegen in der Geschichtsfachkonferenz zum Beginn des Projekts „Kinderkrankenhaus (s.  Inszenierung) dieses Tableau vorstellte, bekam ich überwiegend kritische Rückmeldungen: Das? In der Mittelstufe? Als Theater? Als sie dann hörten, dass ich gemeinsam mit meiner Co-Tutorin und Musikkollegin Christiane Vad eine Musiktheaterproduktion ansteuere, waren sie entsetzt.
Inszenierung: Das Kinderkrankenhaus von Rothenburgsort
Inszenierung: Das Kinderkrankenhaus von Rothenburgsort
Das Kinderkrankenhaus Rothenburgsort war ein Hamburger Bestandteil des Mordprogramms der Nazis, das sie höhnisch „Euthanasie nannten (euthanasia, ursprünglich griechisch für den schönen leichten Tod).
Das Musik-Theaterstück erinnert an die Kinder, die hier ums Leben kamen. Es beleuchtet den Ort des Geschehens. Und es setzt sich mit den Tätern auseinander: Ärzten! Krankenschwestern! Den Eltern dieser Kinder? Und was macht die moderne Pränataldiagnostik heute mit werdenden Eltern? Der Text Nimmerwiedermehr (Dirk Schattner/Musik: Mario Storck) wurde im Juni 2018 als dreistündiges Musical für die Nachbarschaft aus Rothenburgsort uraufgeführt.
Die Profilklasse Musik und Theater der GSB Stadtteilschule Bergedorf traf sich bereits während der Vorbereitung dieser Premiere mehrfach mit dem Librettisten für Hintergrundgespräche. Die Schülerinnen und Schüler wohnten Proben bei, beschäftigten sich im Geschichts- und Politikunterricht mit den historischen und gesellschaftlichen Zusammenhängen und befragten Experten und Historiker. Die aktuelle gesellschaftliche Debatte um die Trisomie  21-Frühuntersuchung hatte noch nicht stattgefunden, als die Gruppe schon beschloss, dass dieses Thema auf jeden Fall in ihr Stück gehört. Denn die Schülerinnen und Schüler sind es gewohnt, gemeinsam mit Kindern mit Trisomie  21 unterrichtet zu werden. Eine ehemalige Mitschülerin mit Trisomie  21 wurde daher über eine Arte-Dokumentation Bestandteil der medialen Inszenierung.
Nach Abschluss anderer Theaterarbeiten begann die Klasse im November 2018, eigene theatrale Elemente zu entwickeln und so ihre Fragen an das Stück und das Thema zu beantworten. Die Profimusiker von Nimmerwiedermehr zeigten ihr Musical Ende November in der GSB in einer Version, in der die Klasse schon erste Ergebnisse ihrer Theaterarbeit einfügte. Dann übernahmen die Jugendlichen vollends die Regie und schufen ihre eigene Fassung als Musik-Theater mit sehr persönlichen erzählerischen, performativen und multimedialen Schwerpunkten.
Die Schülerinnen und Schüler gewannen mit dem Stück den 1. Preis des bundesweiten Wettbewerbs anders-gedenken on stage. Auch die Einrichtung eines Gedenkortes an dem ehemaligen Kinderkrankenhaus hat die Jury dazu bewogen, die Schüler für ihr Engagement zu ehren. Die Kooperation mit den Künstlern von Nimmerwiedermehr steht auch anderen interessierten Gruppen zur Verfügung (https://nimmerwiedermehrmusical.wordpress.com/).
Die Herausforderungen unseres Projekts waren groß: Wie kann man umgehen mit diesem Thema, ohne Schüler zu überfordern? Wie sollte man einsteigen in die...
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Fakten zum Artikel
aus: Schultheater Nr. 40 / 2020

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