Florian Lampe

Hast du meine Geschichte bereits gehöret?

Das Projekt „einstimmig.unschuldig“ auf Grundlage einer Kleist-Novelle: Der in Übergröße projizierte König handelt willkürlich und lässt seine Untertanen von ihm abgewandt tanzen.
Das Projekt „einstimmig.unschuldig“ auf Grundlage einer Kleist-Novelle: Der in Übergröße projizierte König handelt willkürlich und lässt seine Untertanen von ihm abgewandt tanzen. , Foto: © Claudine Güldner

Florian Lampe

Kein großes Drama: Anfangen mit literarischen Texten

Fordern Schülerinnen und Schülern ein „echtes Stück mit „echten Rollen, folgen erfahrungsgemäß: Textfülle, Kürzungschaos, zähe Adaption. Auch die Auseinandersetzung mit literarischen Texten birgt Frustrationspotenzial. Manche Frustrationen sind elementarer Bestandteil der theatralen Umsetzung von Texten andere lassen sich vermeiden.

Wie durch methodisch durchdachte Herangehensweisen die Motivation bei der Arbeit mit einer literarischen Vorlage erhalten bleibt, verdeutlichen die folgenden Praxisbeispiele mit zwei unterschiedlichen Ansätzen. Dabei kommt es besonders auf den Anfang an.
Das erste Beispiel beschreibt einen Ansatz, bei dem ein aus dem Handlungszusammenhang herausgelöster Szenenausschnitt Material für Neues werden kann.
Dem zweiten Praxisbeispiel liegt ein nicht-dramatischer Text zwar für Handlung und Motive zugrunde, zu Beginn der Auseinandersetzung steht aber eine vorgegebene Form. Aus dem Spannungsverhältnis von Text und Form ergeben sich Schwerpunkte für die weitere Arbeit.
Ansatz 1: Ein Text als Material für Neues
Ausgangssituation ist die Vorgabe eines kurzen Szenenausschnitts. Je nach Verlauf der gemeinsamen Arbeit am Projekt kann daraus der Wunsch entstehen, eine Adaption des Gesamtdramas auf die Bühne zu bringen, oder die Arbeit am Textausschnitt führt in eine ganz andere (eigene) Richtung. So kann z.B. Neues entstehen, wenn der Ausschnitt später in andere Handlungszusammenhänge eingebettet wird.
Entscheidend für das „Anfangen mit dem Text ist eine methodische Setzung: Der Handlungszusammenhang wird bewusst verschwiegen, um Freiräume und eine offene Haltung dem Text gegenüber zu erhalten. Dieses Vorgehen lässt sich mit vielen Szenen realisieren. Anhand eines kleinen Textausschnitts aus GottholdEphraim Lessings Einakter Philotas (s.Text) wird dies deutlich: Der gleichnamige Held des Dramas stellt Fragen an sein Gegenüber, die die Schülerinnen und Schüler zu einer assoziativen Beantwortung einladen.
TEXT
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Ausschnitt aus G.E. Lessings „Philotas, Beginn Fünfter Auftritt
Philotas: Tritt näher, Parmenio. –  Nun? Warum so schüchtern? So voller Scham? Wessen schämst du dich? Deiner, oder meiner?
Parmenio: Unser beider, Prinz.
Philotas: Immer sprich, wie du denkst. Freilich, Parmenio, müssen wir beide nicht viel taugen, weil wir uns hier befinden. Hast du meine Geschichte bereits gehöret?
Parmenio: Leider!
Philotas: Und als du sie hörtest?
Parmenio: Ich bedauerte dich, ich bewunderte dich, ich verwünschte dich, ich weiß selbst nicht, was ich alles tat.
Annäherung an den Text: Chorisches Sprechen und Sprachvariationen
Zunächst soll der Text nur als Material dienen, sollen die Worte erfahrbar und zugänglich gemacht werden: Vorübungen zu StimmeundSprechen, Sprachvariationen und chorischem Sprechen stehen dabei im Mittelpunkt. Neben der Grundlagenarbeit ist das Ziel insbesondere die schnelle Aneignung des Textes (sozusagen „en passant) sowie eine erste variierende und improvisierende Auseinandersetzung mit den Rollen.
Wichtig ist in dieser Phase das gesprochene Wort, um Klang und Rhythmus des Textes erfahrbar zu machen. Deshalb soll der Text den Schülerinnen und Schülern zunächst nicht ausgehändigt werden. Stattdessen spricht die Lehrkraft im Call-and-Response-Verfahren einzelne Phrasen nacheinander wiederholend vor. Die unterschiedlichen Rollen werden durch übertriebene Sprachvariationen klar voneinander getrennt.
Diese lenkende Gestaltung des Anfangs durch die Lehrkraft erfordert zwar ein hohes Maß an Aufmerksamkeit und Konzentration, aber die daraus spielerisch entstehende Textsicherheit zahlt sich im Anschluss bei Improvisation und Variation aus.
Im Anschluss können die Rollentexte zur Festigung in zwei Gruppen aufgeteilt werden, die im Wechsel chorisch unterschiedlich umgesetzt werden. Ebenso ist es möglich, jedem Spieler einen (Teil-)Satz des Textmaterials zu...
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Fakten zum Artikel
aus: Schultheater Nr. 43 / 2020

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