Sven Asmus-Reinsberger

Generation Casting

Plakat der Aufführung
Plakat der Aufführung, Foto/Grafik: Sven Asmus-Reinsberger

Sven Asmus-Reinsberger

Eine theatrale Facebook-Inszenierung

Spätestens mit der massenhaften Nutzung von Facebook geht mit den sozialen Medien ein Trend zur Selbstpräsention einher. Das hier vorgestellte Projekt widmete sich dieser Entwicklung. Mittlerweile sind zahlreiche ähnliche Plattformen populär. Deren Prinzipien und Wirkungen sichtbar zu machen, wären lohnenswerte Ziele weiterer Inszenierungen. (s. Foto 1 )

Eine Generation, in der es sich in jeder Alltagssituation nur um das eine dreht: immer und überall jedem das beste Bild von sich zu vermitteln. Ausgehend von biografischem Material der Schülerinnen und Schüler haben wir verdichtet und zugespitzt, bis am Ende drei Mädchen und drei Jungen als Figuren übrig geblieben sind () Alle Figuren haben eigene Profile bei Facebook, die bereits regelmäßig auch von Jugendlichen besucht werden, die nicht in unserem Theaterkurs sind und nicht wissen, dass es sich um erfundene Figuren handelt. Die Inszenierung läuft also schon
Dieser Text stammt aus dem Programmheft zu einer Aufführung meines ehemaligen Profilkurses Theater aus dem Jahr 2010 (s. Foto 2 ). Vor dem Hintergrund heutiger Diskurse erscheinen einige Entscheidungen, die wir damals eher intuitiv getroffen haben, heute in anderem Licht, und einige Punkte sind jetzt vielleicht deutlicher mit dem Thema „Digitalität verknüpft, als es uns damals bewusst war. Auch nach zehn Jahren lassen sich allerdings exemplarisch Punkte zum Lernen mit, aber vor allem über Medien im Kontext von schulischen Theaterprojekten ableiten.
Exkurs 1: Thema „Generation Casting
Die Kennenlernreise des damaligen Politik- und Medienprofils wollten wir Lehrkräfte der beteiligten Fächer Politik/Gesellschaft/Wirtschaft, Theater und Philosophie u.a. dafür nutzen, Interessen der Schülerinnen und Schüler zu ergründen und diese mit den Erwartungen in Bezug auf die zweijährige Kooperation unserer Fächer abzugleichen. Dabei stellte sich im Rahmen von Kennenlernspielen, Partnerinterviews und Improvisationen, aber auch einfach bei Gesprächen am Rande heraus, dass viele unserer Schülerinnen und Schüler (aus typisch „gutbürgerlichen Familien) meinten, am schlimmsten sei nicht der Druck der Schule oder der Eltern, sondern der Druck, den sie sich selbst machten.
Das war insofern interessant, als diese subjektiven Äußerungen direkt an die damals aktuelle soziologische Diskussion anknüpften z.B. an Ulrich Bröcklings „Das unternehmerische Selbst (2007). Bröckling konstatiert, dass heutiges Regieren in liberalen Demokratien eher auf eine Führung zur Selbstführung hinausläuft, wobei jedes menschliche Verhalten auf ein ökonomisches Modell zurückgeführt werde. Vor dem Hintergrund der Unabwägbarkeiten des Marktes empfänden Menschen ein stetes Ungenügen. Diese Unsicherheit führe zu permanenter Arbeit an sich selbst mit dem Ziel der Selbstoptimierung. Die „Versöhnung von Leben und Arbeiten (ebd., S.58), welche als Forderung der 1968er-Bewegung als Alternative zum Disziplinarzwang und Entfremdungsapparat der Fabriken hervorgebracht worden sei, habe zu „Labors unternehmerischer Verhaltensorientierung (ebd.) geführt. Was sich entwickelt habe, sei eine Verquickung angestrebter Selbstverwirklichung mit ökonomischem Erfolg. Der von den Jugendlichen geäußerte selbst gemachte Druck kann entsprechend als Zwang zur Selbstoptimierung interpretiert werden. Eine Selbstdarstellung und Selbstvermarktung in sozialen Medien im Sinne einer „Castingmentalität wäre eine logische Folge davon.
Der Entstehungsprozess
Passend zu den Gedanken auf der Kennenlernreise erschien kurze Zeit nach unserer Rückkehr ein Artikel von Lara Fritzsche mit dem Titel „Wir von der Castingallee (2009a), in dem die damals 25-jährige Autorin mit ihrer eigenen „kontrollwütigen Generation abrechnete. Dieser Artikel weckte erstmals mein vertieftes Interesse an sozialen Netzwerken (mir waren SchülerVZ und StudiVZ vom Hörensagen bekannt von Facebook hörte ich...
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aus: Schultheater Nr. 41 / 2020

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