Simone Boles

Es ist mir auf den Leib geschrieben

Die ganzkörperliche Umsetzung häufig verwendeter Emojis kann die absurde Wirkung der verbalisierten Chatverläufe unterstützen.
Die ganzkörperliche Umsetzung häufig verwendeter Emojis kann die absurde Wirkung der verbalisierten Chatverläufe unterstützen., Foto: Christof Heinz

Simone Boles

Performative Verhandlungen von Digitalität im Theaterspiel

Digitalität ist ein Produkt menschlicher Kultur. Und so konstatiert der Rat für Kulturelle Bildung „als solches berührt sie die Lebensweisen und die Wahrnehmungs- und Gestaltungsformen, die die menschliche Praxis bestimmen, fundamental. Werden digitale Phänomene zum Inhalt und zur Form theatraler Auseinandersetzung, werden ihre sinnlichen Strukturen sichtbar.

Macht man Digitalität zum Inhalt einer Theaterarbeit, ist es zunächst wesentlich, differenzierte, dramaturgische Problemfragen zu erforschen, sodass die Umsetzung nicht klischeehaft oder oberflächlich wird. Eine theatrale Auseinandersetzung mit „Digitalität kann dabei performativ vom Körper ausgehen. Befürchtet man vielleicht zunächst, der analoge Körper werde durch die digitale Welt „lahmgelegt, so wird nach genauer Erforschung klar: Das digitale Handeln wirkt sich viel differenzierter auf die Leiblichkeit aus: Schüler und Schülerinnen erfahren Gefühle der Körpertaktung, eine körperliche Bindung zum Smartphone, sie imitieren die Körperlichkeit digitaler Figuren (Fortnite, TikTok) etc.
Von der persönlichen Erfahrung zur Gestaltungsaufgabe
Im Sinne eines biografischen Theaters ergeben sich zwei Ausgangspunkte, um ein Stück zur Digitalität zu entwickeln:
  • Erforschen und Dokumentieren von Verhalten, Erfahrungen, Ängsten, Erfolgserlebnissen etc. in der digitalen Welt. Bekannte Verfahren können hier sein: Interview, Mind-Map, Tagebuch über digitales Verhalten, Schreibimpulse, Blog, Sammlung von GIFs, Memes etc.
  • Beobachten der Körperhandlungen der Spieler und Spielerinnen in der analogen Welt die längst durch digitale Praktiken gekennzeichnet ist. Hier hat es sich bewährt, Jugendliche unbemerkt zu beobachten und später zu ihrer Bewegung zu befragen (Beispiele: Fuß-Check, Fortnite-Moves, TikTok-Moves).
Zentral ist dabei die Prämisse, die persönliche Erfahrungswelt des individuellen Spielers oder der individuellen Spielerin so lange zu erforschen, bis sich eine Erfahrung, eine Geschichte o.Ä. herauskristallisiert, die nur von dieser Person erzählt werden kann. Dieses biografische Element ist Impulsgeber und Ausgangspunkt der zu konzipierenden Gestaltungsaufgabe.
Im Folgenden werden Wege von der Kernfrage über die Erprobung bis zur Inszenierung aufgezeigt. Sie basieren auf der Stückentwicklung von AnderLand, einem Kooperationsprojekt der Lübecker Grund- und Gemeinschaftsschule St. Jürgen mit dem Theater Lübeck. 15 junge Menschen haben sich digital und analog der dramaturgischen Kernfrage gestellt: Wann erleben wir noch „Jetzt-Momente, Momente des Flows?
#Feld 1: Loot, V-Bucks und Battle Pass
Zahlreiche Jugendliche und Kinder kopieren in der analogen Welt Siegestänze digitaler Avatare aus dem Spiel „Fortnite. Die tänzerischen Bewegungsabläufe können etwa auf dem Schulhof, im Schwimmbad, Park etc. beobachtet werden 2018 war beispielsweise der Floss-Move (Zahnseide) allgegenwärtig. Dieses Phänomen ist Ausgang des ersten Arbeitsfeldes.
Zur Recherche sind folgende Leitfragen an die Fortnite-Spieler möglich:
  • Wann, wie oft, wie lange und warum spielst du Fortnite?
  • Wie kann man deine Strategie, dein Verhalten beschreiben?
  • Was war bisher dein größter Erfolg?
  • Wie fühlt es sich an, Fortnite zu spielen?
Darüber hinaus wird das Spiel gemeinsam gespielt, wobei neben der intensiven Körperlichkeit der Avatare das besondere Vokabular der Gamerszene und dieses digitalen Spiels deutlich wird (z.B.: Loot, V-Bugs, Sniper, epischer Sieg, Battle Pass, Skins etc.). Die Sprache und Strategie von populären Fortnite-Streamern (MontanaBlack, Ninja, Drake, SypherPK, King Richard) werden transkribiert und analysiert. Links zu den Streamern erhält man von den Schülern, den Experten des Alltags.
Anknüpfend an die dramaturgische Kernfrage stellte sich bei der Erarbeitung von AnderLand heraus, dass v.a. ein sogenannter „Epischer Sieg ein im Fortnite-Jargon unglaublich...
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Fakten zum Artikel
aus: Schultheater Nr. 41 / 2020

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