Lukas Günther

Eine Quantenerzählung

Zwei Personen visualisieren die starke Kernkraft durch ein Teilchencluster.
Zwei Personen visualisieren die starke Kernkraft durch ein Teilchencluster., Foto: Maximilian Klose

Lukas Günther

Generative Art und Tanz als digitaler Raum

Der Physik-Nobelpreisträger Richard Feynman hat recht, wenn er schreibt: „Our imagination is stretched to the utmost, [] just to comprehend those things which are there." Besonders das Standardmodell der Teilchenphysik bedarf ungeheuerer Vorstellungskraft. Ein disziplinübergreifendes Theaterprojekt versucht, dies für den Zuschauenden greifbar zu machen.

Noch vor etwa 120 Jahren glaubten wir, die chemischen Elemente seien die kleinsten Teile des Universums. Doch seit der Entdeckung des Elektrons 1899 begann ein Umbruch in diesem Verständnis des Universums und damit die Forschung nach der Weltformel einer einzigen, einfachen Formel, die alles erklärt (vgl. Hawking 2003, S.183). Ein Schritt auf dem Weg zur Weltformel war die Entwicklung des Standardmodells der Teilchenphysik (vgl. Cox 2012, S.  916ff.), einer „quantentheoretische[n] Beschreibung der drei nichtgravitativen Kräfte und ihrer Effekte auf die Materie (Hawking 2003, S.252).
Obwohl diese Theorie eine der grundlegendsten Beschreibungen unseres Universums und seiner kleinsten Teilchen ist, ist sie nicht einfach greifbar. Zu irreal wirken die physikalischen Modelle. Unsere Vorstellungskraft wird bis zum Äußersten beansprucht, nicht um sich Fiktionales vor Augen zu führen, sondern eben das, was real ist (vgl. Feynmann o.J.).
Im Rahmen des Theaterprojekts Etwas sehr Seltsames eine Quantenerzählung stellten sich Studierende des Hannoveraner Studiengangs Darstellendes Spiel die Aufgabe, jenes Modell auf die Bühne zu bringen. Zur Visualisierung wurden die Theorie des Standardmodells sowohl in Tanz als auch mithilfe moderner Animationstechniken aus dem Kunstbereich Generative Art in immersive Projektionen übersetzt. Aus Letzteren entstand sowohl eine vortragsunterstützende Präsentation als auch mit den Tänzen kombinierte Visuals. Gemeinsam mit der Erzählung der Spielenden entführten sie das Publikum in die Welt der kleinsten Teilchen unseres Universums.
Etwas sehr Seltsames in a nutshell
Zu Beginn des Probenprozesses von Etwas sehr Seltsames arbeitete sich die Gruppe durch die Grundlagen der Teilchen- und Quantenphysik, um einen Überblick über diese schwer zugänglichen Themenfelder zu erlangen. Hiervon ausgehend wurden Inhalte selektiert, die als Schwerpunkt der Inszenierung die physikalischen Theorien repräsentativ zusammenfassen sollten. Für die weitere dramaturgische und szenische Arbeit wurde das Cluster in Abb.1 erstellt.
Die sich hieraus ergebenden inhaltlichen Bereiche wurden mit szenischen Ebenen verknüpft, die jene repräsentieren. Bereits zu Beginn des Prozesses war klar, dass Wissensvermittlung ein zentraler Aspekt der Inszenierung werden sollte. Es wurden szenische Rahmungen benötigt, die das Thema für ein Publikum mit unterschiedlichem Vorwissen zugänglich macht. Das Format Lecture Performance (s. Theatrales Format) bot sich hierfür auf besondere Weise an: Aus der universitären Vorlesungspraxis stammend begegnen sich hier Wissenschaft und Kunst in einem naturwissenschaftlichen, sogleich performativen Setting, überlagern einander, befragen und re-inszenieren sich gegenseitig (vgl. Peters 2011, S.181). Die intensive Verknüpfung und Montage der inhaltlichen und szenischen Ebenen wurde damit ein zentrales Anliegen.
Theatrales Format
Theatrales Format
Cultural Performance Lecture Performance
Zur Beantwortung der Frage, welches Format der Wissensvermittlung für das Theaterprojekt geeignet ist, ist der Ansatz von Sybille Peters (2011) sehr fruchtbar. Peters untersucht die Performativität wissenschaftlicher Vorträge und bezeichnet diese als „Theater des Wissens (Peters 2011, S.10). Der Vortrag selbst sei dabei eine „cultural performance und wissenschaftspoetisches Szenario, setzt materiell-körperliche Performance und theatrale Strukturen [] ins Verhältnis [] und verweist auf [] die Gründung der Universität (ebd., S.27). Als öffentlicher...
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aus: Schultheater Nr. 41 / 2020

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