Thomas Erdmann | Hans-Dieter Ilgner

Das Ich im Theater einer zersplitternden Welt

Das Bühnengeschehen wird aus anderer Perspektive gefilmt und vervielfacht in die Szene projiziert. Einzelne Projektionen erscheinen dabei irritierend, ähnlich einem V-Effekt.
Das Bühnengeschehen wird aus anderer Perspektive gefilmt und vervielfacht in die Szene projiziert. Einzelne Projektionen erscheinen dabei irritierend, ähnlich einem V-Effekt., Foto: Thomas Erdmann

Thomas Erdmann | Hans-Dieter Ilgner

Versuche, das Digitale im Schultheater zu verhandeln

Die Digitalisierung verändert unsere Welt dauerhaft. Entsprechend sollten wir uns auch mit dem Digitalen im Schultheater befassen. Digital first kann dabei nicht die Prämisse sein. Dennoch gibt es facettenreiche Möglichkeiten, Fragen nach der digitalen Veränderung unserer Gesellschaft mit Schülerinnen und Schülern für das Schultheater zu erarbeiten. (s. Foto 1 )

Theater soll sich an die als Digital Natives aufgewachsenen Zuschauenden anpassen so eine aktuelle Forderung. Diese kämen heute nicht zum Schauen und Hören, sondern „… um zu spielen, mitzumachen. Sie möchten „…  stärker eingebunden werden als Zuschauerin und Zuschauer und viel stärker Verantwortung übernehmen für das, was dann im Theater am Abend passiert.1
Für Theater in der Schule scheint dieser Ansatz mit Mitteln von Games, Videowalks usw. verführerisch: Greifen wir diese Erfahrungswelt der Schülerinnen und Schüler auf, entwerfen mit ihnen Spiele, verändern wir damit Arbeitsweisen und Zielsetzungen von Theater. Im Game-Theater steht dann die Entwicklung von Spielmechaniken im Vordergrund: Aufgaben und Lösungswege werden entworfen, Belohnungsmechanismen für die Zuschauer festgelegt.2 Die Spielenden sind nicht länger einer Bühnenwirklichkeit verpflichtet, sie werden zu Animateuren der Zuschauenden und steuern sie durch das Spiel. Im schulischen Rahmen stellen sich die Fragen: Wo liegen hier Bildungsziele? Und sind sie im Darstellenden Spiel (Play) bzw. im Schultheater noch aufgehoben?
Gefährdet wird das „labile Gleichgewicht von bewusstem Gestalten und subjektivem Erleben, das sich mit der ambiguosen Erfahrung von Spieler und Figur überschneidet. Dieses Gleichgewicht war bisher wesentlich „für die Differenzerfahrung des künstlerisch gestaltenden Subjekts und für die Bildungsbewegung, die in diesem Prozess stattfinden kann.3
Darstellende in der digitalen Gegenwart
Wir schließen uns eher dem Ansatz an, den Kay Voges (Mitinitiator der Akademie für Theater und Digitalität in Dortmund) als Ausgangspunkt für seine Theaterarbeit bezeichnet: „Theater ist eine Gegenwartskunst. Die Kunst findet immer nur im Augenblick statt, wenn darstellende und Zuschauende gemeinsam sich Zeit und Raum teilen. Was ist denn unsere Gegenwart? Was hat die digitale Revolution für Veränderungen in die Theaterkunst und in die Gesellschaft eingebracht?4
Wir möchten diese Fragestellung in der Wirklichkeit der Mixed Reality eines verantwortungsvollen Schultheaters erproben. In diesem Rahmen geht es im Schultheater um Möglichkeiten, in denen sich die Darstellenden handelnd als Teil einer zunehmend digitalisierten Welt erfahren. Diese Erfahrung kann im Rahmen des kulturellen Erbes bildend vermittelt werden.
Digitale Steuerung
Die Digitalisierung der Lichtsteuerung ermöglicht es, eine Lichtsequenz in ihrem zeitlichen Ablauf zu programmieren und exakt zu wiederholen. Diese Lichtchoreografie gehorcht einem Algorithmus, ist über eine Partitur in das szenische Spiel (Play) eingebunden und wirkt so theatralisch auf den Zuschauer.
In diesem Setting lassen sich „Herr und Knecht-Spiele auf die Beziehung zwischen Mensch und Technik übertragen. Nehmen wir eine Abfolge verschiedener Spots. Hat der Spieler den Auftrag, seinen Platz so zu wechseln, dass er immer im Lichtkegel steht, wird die Schwierigkeit des Spielers, dem Licht zu folgen, den Ablauf diktieren. Interessant wird es, wenn der Spieler versucht, den Rhythmus so aufzunehmen, dass der Eindruck eines Zusammenspiels entsteht. Überholt er dabei das Licht, scheint es, dass das Licht ihm folgen muss.
Aus dem Spiel auf der Bühne könnten Daten gewonnen Aktivitäten eines Spielers oder bestimmte Bewegungsdaten und z.B. mit der Helligkeit eines Scheinwerfers gekoppelt werden: Wird lauter gesprochen wird, ändern sich Farbe, Intensität oder Stimmung des Lichtes, die Musik wird leiser oder es ändert sich die...
Schultheater
Sie sind bereits Abonnent?

Mein Konto

Weiterlesen im Heft

Ausgabe kaufen

Schultheater abonnieren und digital lesen!
  • Exklusiver Online-Zugriff auf Ihre digitalen Ausgaben
  • Print-Ausgabe der abonnierten Zeitschrift bequem nach Hause
  • Zusatzvorteile für Abonnenten im Online-Shop genießen

Zeitschrift abonnieren

Fakten zum Artikel
aus: Schultheater Nr. 41 / 2020

theater:digital

Premium-Beitrag der Zeitschrift Schultheater Unterricht (> 90 Min) Schuljahr 9-13