Torsten Meyer

Globale Zeit- Genossenschaft

Die modernen Kommunikationsmittel verbinden die ganze Welt miteinander. Und in der digitalen Database liegt undifferenziert alles nebeneinander. Beides prägt die aktuelle Kunst.
Die modernen Kommunikationsmittel verbinden die ganze Welt miteinander. Und in der digitalen Database liegt undifferenziert alles nebeneinander. Beides prägt die aktuelle Kunst. , Foto: Sabine Kündiger

Torsten Meyer

Die Bedeutung von Raum und Zeit für aktuelle kulturelle Wandlungsprozesse

Aus seiner Perspektive als Kunstpädagoge betrachtet der Autor Entwicklungen in der gesamten gegenwärtigen Kunstproduktion: Er zeigt, wie sich Künstler und Künstlerinnen aller Sparten als „digital natives mit ihrer Kunst, sei sie visuell oder darstellend, auf die von allen geteilte Welt beziehen und er fragt nach der Bedeutung dieser Entwicklungen für die Schule.

Menschen kommunizieren miteinander im Raum und in der Zeit. Mit mediologischer Perspektive kann man hier im engeren Sinn unterscheiden zwischen Mitteilung/Kommunikation und Übermittlung/Transmission: „Mitteilen heißt, die Information im Raum verbreiten, übermitteln heißt, die Information in der Zeit verbreiten. In diesem Sinn ist [...] Übermittlung das, was Kultur ausmacht und was demnach den Menschen vom Tier unterscheidet (Debray 2002). Die Medien der Kommunikation im Raum Sprache, Telegrafie, Telefon, Fernsehen, Radio, Internet usw. erlauben die gleichzeitige Verteilung von Information in einem von der Beschaffenheit der benutzten Medien abhängig großen Raum. Aber auch die Reichweite der Verbreitung von Informationen in der Zeit ist abhängig von der Beschaffenheit der für den Übermittlungsprozess genutzten Medien Schrift, Bibliothek, Familie, Schule, Museum, Universität usw.
In diesem Zusammenhang ist der Begriff der Zeitgenossenschaft interessant. Denn die aktuellen Medientechnologien verändern die Qualität von Zeit-Genossenschaft. „Genossen sind Gefährten oder Kameraden, die so die etymologische Herleitung gemeinsam etwas genießen beziehungsweise genauer: gemeinsam Nutznießen aus etwas ziehen (im Fall der alten Germanen, aus deren Sprache das Wort stammt, Vieh auf einer gemeinsamen Weide halten). Genossen teilen gemeinsame Erfahrungen, haben dieselben Ziele und können sich aufeinander verlassen.
Zeit-Genossen teilen eine gemeinsame Zeit. Sie erleben die Welt gleichzeitig. Sie sozialisieren sich gegenseitig und bilden mit- und füreinander jeweils Umwelt und System. Innerhalb solcher Zeit-Genossenschaften entstehen neue Ideen, neues Wissen, neue Kunst und andere neue Artefakte menschlicher Einbildungskraft. Jugendliche Subkulturen etwa entwickeln in Zeit-Genossenschaften neue Musik, neue Bilder, neue Formen von Kultur und neue Formen des Selbst-Verständnisses.
Zeit-Genossen befinden sich also in einer raum-zeitlich gemeinsamen Welt, deren Größe sowohl räumlich wie zeitlich mit der Beschaffenheit der jeweils geschäftsführenden Kommunikations- und Informationsmittel zu tun hat. Den tendenziell innovierenden Kommunikationsprozessen in einer durch die aktuellen Medientechnologien global gewordenen Zeitgenossenschaft stehen die prinzipiell konservierenden Kommunikationsprozesse entgegen, die das kulturelle Wissen und Können und das kulturelle Selbstverständnis einer Generation von Menschen in das Bewusstsein der nächsten Generation übertragen. Diese kulturellen Übermittlungsprozesse hängen traditionellerweise eher mit Orts- oder Raum-Genossenschaft als mit Zeit-Genossenschaft zusammen. Kulturelle Tradition und kulturelles Erbe sind so kennen wir es aus der Vergangenheit auf ein Territorium bezogen, auf Nationalstaaten, Sprachgemeinschaften usw. In diesem Sinn sind meine Raum-Genossen also zum Beispiel Friedrich Schiller und Konrad Adenauer, meine Zeit-Genossen hingegen zum Beispiel Tim Etchells und Greta Thunberg.
Die aktuelle Medienkultur bevorzugt die neuen Kommunikationsmittel zur Verbreitung von Informationen im Raum, vernachlässigt aber die Mittel zur Verbreitung von Informationen in der Zeit. „Man beherrscht den Raum immer besser, die Zeit indes immer weniger, schreibt der Mediologe Régis Debray (2002), „Wir besitzen zwar außergewöhnliche Kommunikationsmittel, doch unsere Institutionen, die der Übermittlung dienen Familie, Schule, Universität, Akademie, ja sämtliche Organisationsformen menschlichen...
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aus: Schultheater Nr. 37 / 2019

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