Ludger Pesch

Einfach mal anfangen?

Kommen Kinder in die Schule, sind sie keine Lernanfänger mehr. Dennoch ist die Einschulung ein wichtiger Übergang, der pädagogisch begleitet werden muss.
Kommen Kinder in die Schule, sind sie keine Lernanfänger mehr. Dennoch ist die Einschulung ein wichtiger Übergang, der pädagogisch begleitet werden muss. , Foto: © imago images/Oliver Willikonsky

Ludger Pesch

Nachdenken über Anfangssituationen

Anfänge: ein weites Feld! Sie können Neubeginn nach großen Umbrüchen sein oder winzige Handlungen, die in den Routinen des Alltags kaum noch wahrgenommen werden. Pädagogisch relevant sind Anfänge vor allem, wenn sie Entwicklungsaufgaben, biografische Übergänge oder Lernprozesse betreffen.

Wenn ich über den Anfang nachdenke, geht es mir wie Augustinus mit dem Thema „Zeit: „Wenn niemand mich danach fragt, so weiß ich es; sobald ich es jedoch einem Fragenden erklären will, weiß ich es nicht (Confessiones 11,9). Solange uns niemand nach dem Anfang fragt, wissen wir es: Der Anfang steht am Beginn, mit ihm geht es los, danach kommt alles andere.
Aber was ist vor dem Anfang? Und hat nicht jeder Anfang eine Geschichte? Jeder Anfang ist eine Situation in einem langem Strom von Situationen, ist Prozess in einem viel längerem Prozess. Es ist eine Illusion, anfangen zu wollen ohne Einbeziehung dessen, was vor dem Anfang war. Schauen wir in größer werdenden zeitlichen Abständen drei Situationen an.
Nach dem 2. Weltkrieg wollten viele Menschen, Opfer wie Täter, „neu anfangen mit dem Versuch, das Grauen zu vergessen. Doch die „Unfähigkeit zu trauern (Mitscherlich/Mitscherlich 1967) und das damit verbundene Nichtsprechen über die Erfahrungen schufen in der Bundesrepublik eine Situation der oberflächlichen Verdrängung der Schuld und des Leids. Der vermeintliche Neuanfang setzte nur das Schweigen und die Nichtanteilnahme am Leiden der Opfer fort.
Ein weiterer Anfang wird durch unsere Zeitrechnung markiert, die das Jahr 0 mit der Geburt Jesu verbindet. Aber es gibt viele andere Zeitrechnungen: Nach dem muslimischen Kalender leben wir gerade im Jahr 1441, nach dem jüdischen schon im Jahre 5781. Und selbst in christlicher Perspektive markiert das Jahr 0 keinen Anfang ohne Geschichte; denn auch das Alte Testament und damit die Befreiungsgeschichte Israels gehören zur christlichen Überlieferung.
Und das Nachdenken über den Beginn des Universums führt uns vollends an den Rand unserer Vorstellungskraft. Denn wir können eigentlich keinen wirklichen Anfang, einen Punkt 0 denken, wenn wir fragen: Und was war vor dem Urknall?
Die Lust auf den Anfang oder: Anfang gut, alles gut!
Dennoch scheint der Wunsch, (immer wieder neu) anfangen zu können, einer tiefen Sehnsucht zu entsprechen, wie sie Hermann Hesses bekanntes Gedicht Stufen zum Ausdruck bringt: „Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und der uns hilft, zu leben. Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten …“ Anfänge enthalten ein Versprechen: auf etwas Neues, auf Abenteuer, auf Verbesserungen der bisherigen Situation. Solche Anfänge markieren oft Höhepunkte in unserer Biografie, die wir feiern oder in denen wir gefeiert werden: die Geburt und jeder Beginn eines neuen Lebensjahres, der erste Schultag, die Volljährigkeit, die erste Liebe, die Heirat und so weiter. Anfänge im Sinne Hermann Hesses sind immer Zeichen einer Weiterentwicklung. Und das Wagnis eines Neuanfangs gelingt, wenn wir Lust verspüren auf das Neue und Unbekannte: „Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde uns neuen Räumen jung entgegen senden, des Lebens Ruf an uns wird niemals enden Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!
Die Lust auf den Anfang hat auch damit zu tun, dass er es ermöglicht, Altes hinter uns zu lassen. Dieses Alte kann uns belasten wie eine übervolle Abstellkammer, durch die wir nicht mehr durchfinden. Ein Umzug kann helfen, das überflüssige Gerümpel endlich loszuwerden. Und genauso verhält es sich mit psychologischem Ballast. Wir können uns aus ungelösten, aber unlebendigen Bindungen durch einen Wechsel des Wohn- oder Arbeitsortes befreien, wenn uns dies kommunikativ nicht gelingt. Gleichzeitig werden wir frei für neue Kontakte, und vielleicht gelingt uns unter den neuen Bedingungen sogar eine bessere Beziehung.
In Anfangssituationen sind wir oft viel aufmerksamer und offener als in...
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aus: Schultheater Nr. 43 / 2020

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