Andreas Jüttner

Muss Theater aktuell sein?

Andreas Jüttner

Überlegungen zur Gegenwärtigkeit der Gegenwartsdramatik

Festivals wie der „Heidelberger Stückemarkt oder der Mülheimer Wettbewerb „Stücke, bei denen neue Theatertexte vorgestellt werden, zeigen, wie weit das Feld der Gegenwartsdramatik im deutschsprachigen Raum ist.

Wie aktuell kann Theater sein? Sehr aktuell: Das Stück „Cum-Ex Papers wurde am 25. Oktober 2018 uraufgeführt, nur eine Woche nachdem der Skandal um den größten Steuerraub in der Geschichte Europas bekannt geworden war. Möglich war diese Zeitnähe, weil das Recherchezentrum „Correctiv, das diesen Skandal aufdeckte und in die Öffentlichkeit brachte, dem Regisseur Helge Schmidt frühzeitig Zugang zum Recherchematerial gab. So kamen die Mechanismen, mit denen Investoren, Banken und Börsenspekulanten 55 Milliarden Euro an Steuergeld ergaunerten, auch auf die Bühne im Lichthof-Theater Hamburg.
Auch sieben Monate später, bei einem Gastspiel beim Heidelberger Stückemarkt, war die Aktualität der Aufführung noch nicht verflogen. Denn nun ereilte den Zuschauer neben der Fassungslosigkeit über den Fall auch noch die Bestürzung darüber, dass dessen Aufdeckung offenkundig wenig bewirkt hat.
Inhaltlich kann Theater also kaum gegenwärtiger sein als im Fall von „Cum-Ex Papers. Dennoch: So stark der Eindruck war, den die fertige Produktion beim Heidelberger Stückemarkt als Gastspiel hinterließ, so schwer kann man sich bei demselben Festival den Text im Wettbewerb um den Autor*innenpreis vorstellen. Das zeigt exemplarisch, wie schwer sich der Begriff „Gegenwartsstück definieren lässt.
Fokussiert man auf die Aufführungszahlen, dann ist Lutz Hübner der Gegenwartsautor schlechthin. Laut Statistik des Deutschen Bühnenvereins gab es Spielzeiten, in denen Hübner (der seit Jahren mit Sarah Nemitz zusammen schreibt) nur noch von dem omnipräsenten Shakespeare übertroffen wurde. Ob Erfolgsdruck in der Schule („Frau Müller muss weg) und in Unternehmen („Die Firma dankt), Bereitschaft zur Flüchtlingsintegration („Willkommen) oder die Unmöglichkeit der Kommunikation über gesellschaftliche Gräben hinweg („Furor) angesichts der Konstanz und des Erfolges, mit der hier jeweils aktuelle Themen in wirkungsvolle well-made-plays verpackt werden, erstaunt eigentlich, wie wenig Konkurrenz es auf diesem Feld gibt.
Welch weites Feld die Gegenwartsdramatik auch formal abdeckt, lässt sich bei Festivals wie dem Heidelberger Stückemarkt oder dem Mülheimer Wettbewerb „Stücke entdecken, wobei man auch hier trotz dezidierter künstlerisch-literarischer Ambitionen selten ohne großes Thema auskommt. So lassen sich etwa im diesjährigen Mülheimer Wettbewerb vier der acht konkurrierenden Stücke im weitesten Sinn dem Sujet „Globalisierung zuordnen: „Disko von Wolfram Höll, „Die Mitwisser von Enis Maci, „atlas von Thomas Köck und „Der Westen von Konstantin Küspert. Formal und inhaltlich sind die Texte freilich höchst unterschiedlich, dennoch fällt im Vergleich hierzu das ebenfalls eingeladene Kammerspiel „Die Abweichungen von Clemens Setz fast aus dem Rahmen, erzählt es doch anhand einer vergleichsweise klaren Geschichte „nur von der Brüchigkeit bürgerlicher Normalität.
Andererseits reiht sich auch dieses Stück ein in eine neue Normalität der Gegenwartsdramatik: Es ist ebenso wie die erwähnten Stücke von Höll, Küspert und Köck nicht aus eigenem Antrieb des Autors entstanden, sondern als Auftragswerk. Das Prinzip hierbei verspricht eine Win-win-Situation: Ein Theater engagiert einen Autor, dessen Arbeit es schätzt, um ein Thema auf die Bühne zu bringen, zu dem es noch kein Stück gibt oder zumindest keines, das dem Theater passt. Der Vorteil für die Autoren: Sie wissen schon beim Schreiben, dass es eine Aufführung und ein Honorar gibt. Die Praxis zeigt allerdings, dass dieses Modell die Gefahr birgt, zu theatralisierten Leitartikeln zu führen. Vor allem, wenn der Themenwunsch ein „Recherchestück erfordert ein stetig anwachsendes Subgenre...
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Fakten zum Artikel
aus: Schultheater Nr. 37 / 2019

Gegenwart in Stücken

Premium-Beitrag der Zeitschrift Schultheater Theorie