Christian Reick

Dokumentarisches … wie beginnen?

Motive und Gedanken der Roten Armee Fraktion sind in vielen Dokuamenten zugänglich – eine gute Voraussetzung für die Erarbeitung des Stückes „Ich kann nicht schweigen, weil ich recht habe“.
Motive und Gedanken der Roten Armee Fraktion sind in vielen Dokuamenten zugänglich – eine gute Voraussetzung für die Erarbeitung des Stückes „Ich kann nicht schweigen, weil ich recht habe“. , Foto: Lisa Kessler

Christian Reick

Themenfindung, Recherche und Ordnungsprozesse

Es gibt kein Patentrezept für eine gelingende Arbeit mit dokumentarischem Material. Dazu sind Themen, Quellen, Theatergruppen und Arbeitsprozesse zu vielfältig. Aber man kann Arbeitsmethoden und Rahmenbedingungen nennen, die das Arbeiten an dokumentarischen Projekten begünstigen. Der Fokus dieses Beitrags liegt auf dem Beginn der Arbeit.

Impulse für ein dokumentarisches Arbeiten mit Schultheatergruppen können aus vielen verschiedenen Richtungen und Quellen kommen. Ein aktuelles tagespolitisches Geschehen kann hier ebenso ein Auslöser sein wie eine „unerhörte historische Situation, die der Gruppe so bisher nicht klar war und die bei den Teilnehmenden eine Reaktion auslöst. Es ist durchaus legitim, dass die Spielleitung diesen Impuls induziert.
Losgelöst von dem Gedanken einer Aufführung ist zunächst ein ausführliches Gruppengespräch, ein multiperspektivischer Austausch zu dem Thema vonnöten. Hier wird der Zugang, den die Gruppe zu diesem Thema hat, definiert. Alle Gedanken, Reaktionen und Fragen sollten ernst genommen und über Protokolle, Ergebnisplakate oder Tonaufnahmen festgehalten werden. Sie können im Arbeitsprozess zu wichtigen Leitgedanken und -fragen werden. Subjektivität sollte nicht gescheut werden, sondern ist erwünscht, denn „das dokumentarische Theater ist parteilich (zit. nach Herrig/Hörner 2012).
Für die Leitung der Gruppe ist es entscheidend, sich klarzumachen, dass die Jugendlichen bei der Beschäftigung mit dem Thema geprägt sind von „subjektiven, selektiven Vorannahmen und verinnerlichten Normen (Niktin 2014). Sie können vielleicht anders als erwachsene Spieler ausschließlich vor dem Hintergrund ihrer eigenen Wirklichkeit reflektieren.
Begünstigende Faktoren
Zwei Faktoren können eine gewinnbringende abstrahierende Arbeit mit dokumentarischem Material im Schultheaterbereich begünstigen. Zum einen hilft es den Jugendlichen, wenn es eine zeitliche Distanz gibt, die das „Anderssein im Kontrast zu ihrer eigenen Lebenswelt erlebbar machen. Historische Szenarien, die ein deutlich anderes politisches Klima als das aktuelle abbilden, sind hier im Bereich der jüngeren deutschen Geschichte sicherlich der Erste und Zweite Weltkrieg sowie die DDR. Grundsätzlich sind natürlich auch ältere historische Phänomene eventuell aus anderen Ländern von Interesse (s. Inszenierungsbeispiel 4), allerdings stehen dann oft Sprachbarrieren der Authentizität im Weg.
Darüber hinaus weckt es das Interesse der beteiligten Gruppe, wenn die Protagonisten im dokumentarischen Material in etwa dem Alter der Gruppenmitglieder entsprechen. Nach dem gemeinsamen Ansehen von Ausschnitten aus Peter Weiss Die Ermittlung und Staats-Sicherheiten stieß das Stück Der Kick von Andreas Veiel auf deutlich größeres Interesse. Die handelnden Charaktere im jugendlichen Alter zeigen hier Verhaltensweisen, die vor dem Hintergrund der Lebenswirklichkeit der Darstellerinnen und Darsteller intensive emotionale Reaktionen wie Entsetzen, Unverständnis und Wut hervorrufen. Ein prägendes Charakteristikum des dokumentarischen Theaters wird hier deutlich: Das Exponieren und Anklagen eines tabuisierten Themenfeldes in einem theatral ästhetisierten Rahmen (vgl. Hruschka 2016), oder wie Weiss es vereinfacht formuliert „von der Bühne aus.
Formale Orientierung
Nach einem thematischen Austausch kann der richtige Zeitpunkt sein, den Beteiligten die Genese des dokumentarischen Theaters vor Augen zu führen. Wie explizit dies geschieht, sollte man von der Beschaffenheit der Gruppe (respektive deren Altersstruktur) abhängig machen. Sicher engt man das Bild dieser Theaterform durch das Zeigen von Ausschnitten aus Die Ermittlung oder Der Kick mehr ein, als wenn man nur die wichtigsten theoretischen Grundlagen nennt (vgl. hierzu Hruschka 2016).
Andererseits kann dadurch eine hohe Motivation entstehen Denn die formale Genauigkeit, der Umgang mit dem ausschließlich...
Schultheater
Sie sind bereits Abonnent?

Mein Konto

Weiterlesen im Heft

Ausgabe kaufen

Schultheater abonnieren und digital lesen!
  • Exklusiver Online-Zugriff auf Ihre digitalen Ausgaben
  • Print-Ausgabe der abonnierten Zeitschrift bequem nach Hause
  • Zusatzvorteile für Abonnenten im Online-Shop genießen

Zeitschrift abonnieren

Fakten zum Artikel
aus: Schultheater Nr. 40 / 2020

Dokumentarisches Theater

Premium-Beitrag der Zeitschrift Schultheater Unterricht (> 90 Min) Schuljahr 6-13