André Studt

Die Bühne ist ein Raum öffentlichen Denkens

André Studt

Ein Interview

André Studt sprach mit Hans-Werner Kroesinger und Regine Dura über Dokumentartheater das Entstehen ihrer eigenen Projekte, die damit verbundenen Fragen und ihre Suche nach immer nur vorläufigen Antworten.

Ich erwische euch zwischen zwei Produktionen, woran arbeitet ihr gerade?
HWK: Aktuell beginnen wir in Leipzig mit einem Projekt zum Thema Braunkohle.
Braunkohle? Wie darf man sich die Erschließung dieses Themas im Kontext des Dokumentartheaters vorstellen?
HWK: Es ist immer das eigene Interesse, das am Anfang steht. Das ist das Schöne an unserer Arbeit: Du lernst und erweiterst deine Kenntnisse immer. Du kommst auf Fragen, die zu weiteren Fragen führen. Im besten Fall entwickelt sich das gemeinsam mit denen, die am Projekt mitarbeiten und es szenisch aufführen, immer weiter
RD: Um auf die Braunkohle zurückzukommen: Da muss man erst einmal verstehen, in welchen Landschaften sich das abspielt. Wir sind hier vom Physischen ausgegangen und sind in den renaturierten Gebieten um Leipzig unterwegs gewesen.Wir haben uns das angesehen und sind erst dann in die Archive gegangen. Die Braunkohle war in der DDR sehr wichtig, und auch aktuell gibt es ja rund um dieses Thema viele Diskussionen. Uns interessiert die Transformation von Natur in Kultur oder vielmehr dieser Prozess und seine Auswirkungen auf sozio-politische Kontexte.
HWK: Die Reichweite der Fragen an das jeweilige Thema bleibt uns überlassen. Es ist ein offener Prozess, der auch von dem lebt, was die Teilnehmer bereit sind, einzubringen.
Meint ihr damit auch das Publikum? Die Zuschauer?
HWK: Unbedingt. Du musst immer an dein Publikum denken. Es geht ja darum, aus dem Material, mit dem man gearbeitet hat, einen Resonanzraum zu bilden.
RD: Ich denke weniger kategorisch an ein bestimmtes Publikum mir kommt es eher auf die szenische Platzierung an: Wie groß ist die Bühne? Wer geht ins Theater? Wie ist die Anbindung an den Spielplan?
HWK: Wir verstehen die Bühne als Verhandlungsraum, als öffentlichen Raum des Denkens und der politischen Auseinandersetzung. Das Publikum soll arbeiten, damit es weitergeht. Unser Theater ist ja eine Art Spezialisten-Theater. Es kommen Menschen, die normalerweise nicht ins Theater gehen und von einem klassischen Repertoire-Theater nicht erreicht werden.
RD: Wir haben Anfang des Jahres in Linz ein Projekt zu den Voest-Werken gemacht. Da waren fast alle Zuschauer in irgendeiner Weise mit diesen Stahlwerken verbunden, das waren alle Experten.
Kommt es oft vor, dass Theater euch für die Aufarbeitung lokaler Themen anfragen? Ich denke da an das Karlsruher Stolpersteine-Projekt, das 2016 zum Berliner Theatertreffen eingeladen war …
HWK: In Karlsruhe wurden wir gefragt, etwas zur Arisierung des Theaters zu machen. Wir haben uns gewundert, dass es dazu noch nichts gab. In den Archiven fanden wir dann schnell diesen Link zu den vier Biografien, die für die Arbeit zentral wurden … In Linz und jetzt in Leipzig ist es sicher so, dass die lokale Dimension ein dankbarer Impuls für den Auftakt ist, aber meistens geht es über den Ort hinaus.
RD: Oder muss erst einmal ohne diesen auskommen: Bei unserem Frontex-Projekt, wo wir uns für die Arbeit der europäischen Grenzschutzagentur interessiert haben, hingen wir ziemlich in der Luft. Alle Versuche mit dieser Grenzschutzagentur in Kontakt zu treten, waren gescheitert. Wir waren auf die offiziellen Außendarstellungen angewiesen, wo man es mit einer routiniert technokratischen Rhetorik zu tun hat, die das Menschliche ausblendet. Dann kam mit Lampedusa ein konkreter Ort aus dem Kontext hinzu, der notwendigerweise das Handeln der Menschen ob Flüchtende oder diejenigen, die das unterbinden sollen zusammenführt.
HWK: Man braucht diese Ebene als Referenz für die Montage des Materials. Es gilt, immer eine Balance zwischen Thema und menschlichem Schicksal, zwischen Exemplarischem und Generellem zu halten.
RD: Das hat viel...
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Fakten zum Artikel
aus: Schultheater Nr. 40 / 2020

Dokumentarisches Theater

Premium-Beitrag der Zeitschrift Schultheater Theorie Schuljahr 3-13