Bewältigung manchmal bedrängender Wirklichkeit

In zeitgenössischer Dramatik kann es um Themen aus der – sowohl realen als auch medialen – Erfahrungswelt von Jugendlichen gehen.
In zeitgenössischer Dramatik kann es um Themen aus der – sowohl realen als auch medialen – Erfahrungswelt von Jugendlichen gehen. , Foto: Michael Blum

Über die Auseinandersetzung mit Gegenwartsstücken und der Gegenwart in Stücken

Klaus Riedel und André Studt, die beiden Heftmoderatoren dieser Ausgabe, schildern hier ihren Blick auf aktuelle Theatertexte der eine aus seiner Sicht als Lehrer, der andere aus der Perspetive des Theaterwissenschaftlers.

Was mich als Lehrer an (aktuellen) Theatertexten interessiert
Der Umgang mit dramatischen Texten oder Textelementen als einer wesentlichen Kategorie von Theater ist ein prominenter Gegenstand von Theaterunterricht und kann Ausgangs- und Orientierungspunkt für Aufführungsprojekte sein. Von der Textrealisation über die Textbearbeitung bis hin zu Textüberschreitung und dem „Verschwinden des Textes ergeben sich viele Möglichkeiten. Die dramaturgische Auseinandersetzung mit einem dramatischen Text, seine Anverwandlung kann dabei unter verschiedenen, sich ergänzenden und überlappenden Perspektiven erfolgen. So kann ein Text im Hinblick auf seine innere Logik und auf Themen, Handlung und Figuren hin erforscht werden, oder aber er wird überprüft hinsichtlich seiner Eignung zur Realisation einer bestimmten Bauform beziehungsweise eines Theaterkonzeptes.1
Grundlage kann dabei zunächst jede Erscheinungsform der Gattung Dramatik sein: klassische (im Sinne von tradierten) Tragödien, Komödien, Sketche, Schau- und Trauerspiele, aber auch Filmvorlagen sowie didaktisch aufbereitete, explizit für die Zielgruppe konzipierte Stücke des Kinder- und Jugendtheaters.
Wenn in dieser Heft-Ausgabe von „Gegenwartsdramatik die Rede ist, dann sind vorgenannte Textsorten eher nicht gemeint, sondern es erfolgt eine Fokussierung auf eine zeitgenössische (wobei zu fragen ist, wo Zeitgenossenschaft beginnt und aufhört; der Einfachheit halber wird hier vom Zeitraum der letzten zwanzig Jahre ausgegangen) Dramatik des professionellen Theaters für Erwachsene, in der Regel deutschsprachiger Provenienz. Obwohl damit gleichzeitig das Problem der Aufführungsrechte mit im Raum steht (fehlende Freigabe von Texten für das Amateur- und Schultheater), bietet die Beschäftigung mit dieser Gruppe von Texten vielfältiges didaktisches wie methodisches Potenzial.
Thematische Nähe
Zeitgenössische Dramatik kann in ihrem Bühnenpersonal und ihrer Themenwahl Schnittmengen zur Erfahrungs- und Alltagswelt von Schülerinnen und Schülern aufweisen; sie begegnen hier Themen, die nicht per se historisch sind, sondern die auch in anderen von ihnen rezipierten Medien Relevanz entfalten, etwa Beschleunigung von gesellschaftlichen und lebensweltlichen Prozessen, Mediatisierung des Alltags, Diversität in Bezug auf Geschlechter- und Beziehungskonstruktionen, aber auch explizit politische Themen wie zum Beispiel Globalisierung, Migration, Kapitalismuskritik, Herrschafts- und Machtstrukturen. Das Wirkungsverhältnis zwischen Text und Rezipient muss dabei kein zwingend affirmatives sein, sondern kann gerade auch in der Provokation durch den Text ein konstruktives Auseinandersetzungpotenzial entfalten (beispielhaft hierfür: „Wir sind die Guten von Mark Ravenhill).
Da Autorinnen und Autoren durchaus bewusst ist, dass Theater ein träges System ist, weil es erst mit mindestens halbjähriger Verspätung Themen auf die Bühne bringen kann, konstruieren sie ihre Stücktexte nicht als Abbildung von Tagesaktualität, sondern abstrahieren Zeitgenossenschaft auf relevante Tendenzen unter Verwendung von Fiktionalisierungsstrategien, um diese auch künstlerisch wirksam werden zu lassen. Hier kann Theaterunterricht ansetzen, um die Prozesse dieser Überführung einer auch Schülerinnen und Schülern bekannten Gegenwart in ästhetische Produkte einer analytischen Betrachtung zu unterziehen und daraus Handlungsmuster eigenen künstlerischen Schaffens abzuleiten.
Formale Distanz2
Im Gegensatz zur thematischen Nähe zeichnen sich zeitgenössische dramatische Texte auf der Ebene der Form häufig durch eine größere Ferne zu den gängigen, unter anderem durch Film und Serien geprägten...
Schultheater
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Fakten zum Artikel
aus: Schultheater Nr. 37 / 2019

Gegenwart in Stücken

Premium-Beitrag der Zeitschrift Schultheater Theorie