Wenn der Schulrat zweimal klingelt

Der Schulrat kommt! Was war das immer ein Fest! Alles stand kopf, wenn er sich angekündigt hatte und irrte kopflos durch die langen Gänge, wenn er unangemeldet auftauchte. Die Lehrer bläuten uns noch mal die letzten Vokabeln ein. Wir memorierten: „Drei-drei-drei bei Issos Keilerei. Das Klassenbuch wurde aus der untersten Schublade gekramt, entstaubt, geglättet und auf Vordermann gebracht. Natürlich hatten wir gewaschen und gekämmt zu erscheinen und das Klassenzimmer musste blitzeblank sein. Was in einem Fall sogar dazu führte, dass wir 14-Jährigen die Decke weißten, um die Ballabdrücke und Fußspuren (sic!) zu beseitigen.
Damals blutjung und dumm war das alles sehr aufregend, heute alt und weise verstehe ich die tieferen Zusammenhänge besser. Klar musste eine Amtsperson der Schulleitung auf die Finger sehen, den Lehrkörper nebst Lehrmethoden inspizieren, sich ein Bild von den Zöglingen und ihrem Betragen machen und sich vom ordnungsgemäßen Zustand und Gebrauchs des Schulgebäudes und seiner Einrichtung überzeugen. Meist ganz wie der gutmütige alte Herr in der Feuerzangenbowle, seltener schon die beckmesserhaften Stinkstiefel. Aber das ist lange her, fast schon Folklore.
Die Schulaufsichtsbeamtin auf der Höhe der Zeit versteht sich eher als Freundin, als Partnerin. Da kann man auch schon mal ein Witzchen machen oder mit nem halben Gläschen Prosecco auf einen gelungenen Deal anstoßen. Der moderne Schulrat ist Berater, Unterstützer, Wegbereiter und Möglichmacher. Schützend hält er seine Hand über die Schule. Ja, das hat schon was von dem sympathischen Schildträger dieser bekannten Versicherung. Aufsicht scheint weit weg und fast schon ein wenig in Verruf geraten. Klingt für viele zu sehr nach Obrigkeit und Kontrolle. Völlig zu unrecht! Aufsicht ist Klasse!
Aufsicht ist Klasse!
Denken wir nur an die behütende Aufsicht, z.B. auf dem Schulhof oder an der Bushaltestelle. Wenn man so will, dringt die Philosophie des Babyphones aus dem Kinderzimmer über Spielplatz und Kita bis in die Gefilde der Schule. Keine Überwachung! Nein, immer nur sorgsam darauf bedacht, dass den Kleinen nichts passiert, nicht zu ausgelassen getobt, aber doch hinreichend bewegt, gestritten aber nicht gerauft, geschwätzt aber nicht gebrüllt wird.
Und schon höre ich rufen: Lasst die Kinder in Ruhe! Bloß keine Überbehütung! Die müssen auch mal auf die Nase fallen! Zu autonomen Persönlichkeiten mit einem gut entwickelten Ich-Bewusstsein heranreifen! Wunden heilen, Narben sind Ehrenmale! Davon trage ich genug. Wunde Knie hatte ich während meiner gesamten Kindheit. Das kannten wir gar nicht anders. Blut und Dreck, Pflaster und Schorf sind der Preis der Freiheit!
Noch bedeutender wird die Aufgabe da Gefahr für Leib und Leben droht bei der Badeaufsicht. Wohlgebräunte Bademeister und Bay-Watch-Nixen retten nicht nur im Fall des Falles die Havarierten vor dem Ertrinken, sie überwachen auch vorausschauend und vorbeugend die Einhaltung der Baderegeln. Wer vom Beckenrand springt oder einen Mitmenschen länger als eine Minute unter Wasser drückt, fliegt raus.
Nicht so im Strafvollzug. Die bösen Jungs und Mädels bleiben drin. Die schließt man weg. Und wenn sie dann mal Auslauf haben oder arbeiten, muss der Aufsichtsbeamte im Justizvollzug ein wachsames Auge auf sie haben. Der Aufseher hat Wache zu schieben und immer schön auf Sicht zu agieren.
Was meinen Sie? Ich hätte da ein paar schöne Bilder für die Schulaufsicht gefunden? Quatsch. Das hat ja nun mal grad gar nichts mit der Schulaufsicht zu tun. Ähnlichkeiten wären rein zufällig und sind ausdrücklich erwünscht. Ein Schulrat muss und darf nicht alles sehen. Manches bleibt besser im Nebel. Das Loch in der Statistik, das Trampolin zur Förderung der Lehrergesundheit. Da fehlt eine ganze Klasse zufällig an dem Tag, an dem der neue Kolllege umzieht. Und ja, manchmal kann man nicht sicher sein, ob die junge Frau in Löcherjeans zwischen den Mädels Kollegin Müller ist.
Ein...

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Fakten zum Artikel
aus: Lernende Schule Nr. 78 / 2017

Schulaufsicht

Friedrich+ Kennzeichnung Schuljahr 1-13