Warum und wozu Schulaufsicht?

Verschiedene Sichtweisen auf Aufgaben und Wirksamkeit

Botho Priebe: Herr Heinemann, Sie sind als Ministerialdirigent im Ministerium für Schule und Weiterbildung in Nordrhein-Westfalen viele Jahre „oberste Schulaufsicht des Landes gewesen und waren im Rahmen der Bildungsverwaltung mitverantwortlich für die Steuerung der Qualitätsentwicklung im Schulsystem des Landes.
Ulrich Heinemann: Ich spreche hier, lieber Herr Priebe, weniger als ehemaliger Abteilungsleiter, sondern als Jemand, der die Bildungs- und Schulentwicklungsforschung des letzten Jahrzehnts intensiv verfolgt und auf dieser Grundlage ein Buch über das Schicksal der Schulreform seit PISA geschrieben hat1 meine berufliche Erfahrung ist da ein Add-on, sicherlich kein schädliches!
Anteil der Bildungsverwaltung an den PISA-Erfolgen?
Botho Priebe: Im Kontext der „empirischen Wende sind vor allem die Schulen und mit ihnen Bildungspolitik, Bildungsverwaltung, Lehrerbildung und Bildungswissenschaften unter massiven Legitimationsdruck geraten, der in den letzten 15 Jahren aber zugleich umfassende Reforminitiativen auslöste. Und es gelang in diesem Zeitraum, die Leistungen deutscher Schülerinnen und Schüler im internationalen Vergleich (PISA, TIMSS, IGLU) nachweislich zu verbessern. Allerdings: Diese Verbesserungen haben in den Schulen stattgefunden und nicht in der Bildungsverwaltung.
Ulrich Heinemann: Wo auch sonst? Was den Erfolg anbetrifft, wäre ich aber nicht ganz so sicher. Die Steigerung des Leistungsniveaus im Vergleich zu anderen PISA-Staaten, die Sie ansprechen, ein wie jüngst auch noch der „Chancenspiegel (Berkemeyer et al. 2017) deutlich macht leider nur träger Trend zum Besseren, ist zumindest bis 2012 ganz überwiegend von den unteren Leistungsgruppen mit ihren vielen migrantischen Schülern getragen worden. Selbst so bekannte Bildungsforscher wie Jürgen Baumert sind sich unsicher darüber, ob dafür die staatlicherseits den Schulen verordneten Förderprogramme zum Ausgleich schulischer Schwächen verantwortlich sind oder eine feststellbar bessere Beherrschung der Verkehrssprache Deutsch bei Migrantenkindern und -jugendlichen aufgrund eines durchgehend früheren und regelmäßigeren Besuchs von Kindertagesstätten.
Botho Priebe: Da gibt es zu viele Vermutungen und Annahmen und keine sicheren Daten. Die vielen Flüchtlingskinder und -jugendlichen sowie die Inklusionsschülerinnen und -schüler werden in den nächsten Jahren die deutschen Vergleichsdaten bei den internationalen Untersuchungen zur Bildungsqualität absehbar aufmischen.
Aber zurück zur Schulaufsicht: Dass es Schulen und Lehrkräften ausweislich belastbarer empirischer Daten gelungen ist, sich zu verändern und zu verbessern, bleibt auch in „postfaktischen Zeiten unbestreitbar. Dass die Bildungsverwaltung bei allen Reformmaßnahmen dabei war und ist, trifft zuständigkeitshalber sicher zu. Aber mit welchen eigenen Anteilen, Qualitäten und Erfolgen ist dabei eine offene Frage. Denn gemessen wurden Leistungen und Effekte von Lehrkräften und Schulleitungen und nicht die der Bildungsverwaltung. Deren Effektivität kann nur vermutet oder eben behauptet werden. Auch wenn ihr Anteil an den Verbesserungen wahrscheinlich ist, liegen differenzierte Daten und Belege dafür nicht vor.
Herr Kuhn, Sie waren seinerzeit Staatssekretär in der Senatsverwaltung für Schule, Berufsbildung und Sport des Landes Berlin und später Leiter der Schulaufsicht für die Sekundarstufe I in Brandenburg sowie Leiter des Referats Qualitätsentwicklung und -sicherung, Schulentwicklung und Schulforschung dieses Landes. Haben Sie von daher eine ähnliche Sichtweise wie Herr Heinemann?
Gestaltende Schulpolitik hat kaum messbare Auswirkungen
Hans-Jürgen Kuhn: Die Schulforschung hat Probleme, die messbaren Verbesserungen auf eine gestaltende Schulpolitik zurückzuführen. Das betrifft sowohl die gesamtstaatliche Bilanz bei PISA und Co., aber auch die innerdeutschen Entwicklungen bei den Ländervergleichen des...

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Fakten zum Artikel
aus: Lernende Schule Nr. 78 / 2017

Schulaufsicht

Friedrich+ Kennzeichnung Schuljahr 1-13