Udo Klinger

Virale Schulleitung

Udo Klinger

Fake News aus der Führungsakademie

Er ist wieder da. Aber nicht mehr der alte. Weiß der Himmel, was er auszuhalten hatte. Zuerst wussten wir nicht so recht, was damit anzufangen. Pergamentartig, entfernt erinnernd an Müllbeutel, zerknülltes Cellophan, aber auch irgendwie glitschig. Dann wurde schnell klar: Er hat sich wieder gehäutet.
Wenn mans recht bedenkt, hatte es sich schon seit längerem angedeutet. Ständig schlich er durchs Schulgebäude, war nie zu fassen, lauerte mal hinter der Tafel, tauchte dann plötzlich in der Kaffeeküche auf und war im nächsten Moment schon wieder entflutscht. Das wars dann wohl mit seiner agilen Phase.
Was haben wir schon alles mit- und durchmachen dürfen. Er leitet, wir leiden: coachiv, transformativ, konfluent, autorativ, kooperativ, impulsiv, naiv und extratief. Eher weniger spannend waren die Zeiten seiner pathischen und homöopathischen Führung. Da war die Spicy-Führung schon von anderem Kaliber. Alles drin: salty, sweet und sour.
Unser Schulleiter ist jemand, der jede Mode mitmachen muss. Aber jetzt machen wir uns Sorgen. Er wurde schon seit ein paar Tagen nicht mehr gesehen. Wahrscheinlich brütet er wieder etwas aus
Und dann plötzlich, nach längerer Inkubationszeit: Outbreak! Die ersten sind bereits infiziert. Hektik in der Bibliothek, Grüppchenbildung, Getuschel, lächelnde, wissende Gesichter. So kündigt sich die virale Phase an.
Manche Kollegen laufen mit Mundschutz durch die Schule. Als ob das etwas bringen würde! Der Personalrat hat unterdessen ein Impfbüro eingerichtet. Höchste Zeit! Mittlerweile ist die komplette Schulleitung hoch ansteckend und infektiös! Können wir die unkontrollierte Ausbreitung im Wirtskörper noch verhindern?
Schließlich ist so ein Virus nur sich selbst verpflichtet und wer weiß, was er uns da angeschleppt hat. Da die heimtückischen Gesellen noch nicht mal über einen eigenen Stoffwechsel verfügen, fressen sie unsere ureigenen Ressourcen auf, die wir gut auch für andere Zwecke nutzen könnten.
Es lässt sich nicht klein reden: Befallene Wirte erkranken. Und so lag es natürlich nahe, uns externe Hilfe zu holen. Die Fachleute vom Schulpsychologischen Dienst und vom Amt für Lehrergesundheit waren schnell zur Stelle und arbeiten nun mit uns an möglichen Virostatika. Als Sofortmaßnahme haben wir zunächst drei Arbeitsgruppen mit klar definierten Fragestellungen installiert:
Wie können wir das Eindringen der Viren in die Wirte verhindern? Erste Ansätze zielen in Richtung Stärkung gesunder Widerstandskräfte im Kollegium.
Wie können wir so in den Stoffwechsel eingreifen, dass die Virusvermehrung gehemmt wird? Schnell war klar: die Ressourcen anderweitig nutzen, damit stehen sie für die kleinen Biester nicht mehr zur Verfügung.
Wie können wir nach einer möglichen Virusvermehrung in den Wirten das Austreten der neuen Viren unterbinden? Isolieren wäre hart, wir denken aber daran, die Befallenen sozusagen in sich selbst kreisen zu lassen.
Dabei dürfen wir nicht aus den Augen verlieren, dass die gesuchten Virostatika verträglich sein sollten und keinesfalls den gesamten Organismus zum Erliegen bringen. Aber an Nebenwirkungen sind wir in unserer pädagogischen Arbeit ja gewöhnt.
Die begleitende Evaluation unserer Anstrengungen zeigt unterdessen interessante Effekte. Selten haben wir als Kollegium so intensiv und engagiert an unseren gemeinsamen Aufgaben gearbeitet, mit Achtsamkeit und Sorge eintretende Veränderungen begleitet, dazugelernt, externe Partner einbezogen und wieder ganz zu uns gefunden. Wenn er das im Blick hatte, Chapeau!
Mittlerweile geht das Fieber zurück und die Rekonvaleszenz ist gekennzeichnet von einem ruhigen, unaufgeregten Arbeiten, bei dem sich jeder seiner Rolle und Verantwortung bewusst ist. Leitung leitet mit einem breit angelegten Selbstverständnis, das auf punktuelle, schnell wechselnde Modekonzepte verzichtet. Es war schon immer ein tragischer Irrtum, einzelne Eigenschaften zu stark hervorzuheben, Modelle...
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Fakten zum Artikel
aus: Lernende Schule Nr. 88 / 2019

Schulleitung 2020

Schuljahr 1-13