Marielle Seitz

Trauern und Abschiednehmen

Marielle Seitz

Krisenbewältigung durch die Gestaltung von Liebensbriefen

Vor einigen Jahren geriet ich in einem italienischen Einkaufszentrum zufällig in eine Halloweenparty. In einer kommerziellen Bühnenshow wurden Kinder zum Mitmachen animiert. Der aus meiner Sicht gute Kern, sich mit Sterben, Tod und der Erinnerung an Tote auseinanderzusetzen, wurde durch dieses Event pervertiert. Als Kunstpädagogin nahm ich dieses Erlebnis als Anlass nachzudenken, wie mit Kreativität, Sensibilität und kunstpädagogischen Ansprüchen eine Alternative zu Halloween zustande kommen könnte.
Daraus ist ein interkulturelles Projekt mit Kindern entstanden, das seit 2013 in großen Ausstellungen an die Öffentlichkeit kommt. Die Ausstellungen sind in Schulen, Museen, Kirchen, auf Friedhöfen und anderswo im öffentlichen Raum zu sehen gewesen.
Briefe als individuelle Krisenbewältigung
Meine Idee war, Kinder einzuladen, einen Brief an verstorbene Menschen und Tiere zu schreiben und mit Zeichnungen zu illustrieren. Diese Briefe wollte ich in einer großen Ausstellung in der Zeit um Allerheiligen auf einem Friedhof aufhängen und damit „Tod und Abschiednehmen auf eine neue Art und Weise thematisieren.
Die Briefe und das damit verbundene Projekt habe ich Liebensbriefe genannt und mit dem Abschiednehmen und der damit verbundenen Trauer auch das Leben und die Liebe einbezogen. Dass das Leben endlich ist und dass wir immer wieder Abschied nehmen müssen, gehört zum Leben dazu. Wir alle müssen lernen, Tod und Abschied zu akzeptieren.
Fast alle Kinder haben Fragen, wenn sie mit dem Tod konfrontiert sind, und sehr viele von ihnen haben gleichzeitig eigene Vorstellungen davon, was der Tod ist bzw. wie es nach dem Tod ist. Als Pädagoginnen und Pädagogen müssen wir den Kindern keine Antworten geben. Wir sollten den Kindern vielmehr die Möglichkeit geben, ihre Vorstellungen auszudrücken und ihre Fantasien in Bildern und Worten mitzuteilen, um auf ihre Art zu trauern. Mir erscheint es sehr wichtig, Kinder gerade dann ernst zu nehmen, wenn sie trauern, und ihnen eigene Ausdrucksmöglichkeit zu eröffnen.
Erinnerung als Band zwischen Leben und Tod
„Liebe und Tod. Im Projekt Liebensbriefe kommt beides zusammen. Bei allen Durchführungen war es immer wieder überraschend, wie selbstverständlich Kinder mit dem von Erwachsenen tabuisierten Thema Tod umgingen. Über die Medienkultur werden sie häufig nur in Killerspielen, in Gewaltfantasien oder bei der Berichterstattung von Katastrophen und Amokläufen damit in Kontakt. In ihrem persönlichen Umfeld, ihrer Familie beispielsweise, und auch in der Schule werden Kinder aber real mit dem Tod konfrontiert, wenn Angehörige, Lehrkräfte oder Schulfreunden sterben oder sie andere Bezugspersonen verlieren. In manchen Fällen ist es dann sinnvoll, die Hilfe von Notfallseelsorgern und Trauerbegleitern an Schulen in Anspruch zu nehmen (vgl. H. Bründel in diesem Heft).
Es gibt aber auch viele Situationen im pädagogischen Alltag, in denen Schülerinnen und Schülern im Unterricht geholfen werden kann, ihre Trauer zu verarbeiten. Die Liebensbriefe sind eine solche Möglichkeit.
Erfahrungen mit dem Projekt
Viele Pädagogen, Kinder und auch Eltern haben die Teilnahme an dem Kindertrauerprojekt Liebensbriefe trotz der Schwere des Themas beim Schreiben und Zeichnen der Briefe sehr positiv erlebt. Lehrkräfte berichten, wie sensibel und motiviert die Kinder mitmachten und dass sie ihre Schüler und Schülerinnen dabei auf ganz neue Weise erlebten. Viele Kinder haben mit ihren Eltern die Ausstellung besucht. Vertrauensvoll wurde über Gefühle, Gedanken, Vorstellungen und Wünsche geredet. Gespräche fanden auch unter den Ausstellungsbesuchern statt. Damit wirkt das Projekt als Soziale Plastik (nach Joseph Beuys), bei der Besucherinnen und Besucher einbezogen werden. Verdrängtes und Nichtausgesprochenes bekommt Raum und die Möglichkeit des Miteinander-Tauerns und Verstehens.
Kinder müssen noch nicht einmal schreiben...

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Fakten zum Artikel
aus: Schule leiten Nr. 18 / 2019

Krisenmanagement – Kühler Kopf im Kollektiv

Friedrich+ Kennzeichnung Schuljahr 1-13