Thomas Häcker

Schule ohne Noten?

Thomas Häcker

Ziffernnoten hoch akzeptiert und dennoch fragwürdig

Schulnoten sind nicht nur umstritten, seit es sie gibt, sie sind auch ein Reizthema. Wer sie infrage stellt, löst verlässlich hitzige Debatten und vorhersagbare Abwehrreflexe aus. Doch es lassen sich zunehmend auch andere Positionierungen ausmachen.
Im Juni 2018 veranstaltete die Deutsche Schulakademie in Dortmund das Forum „Lernen. Leistung. Noten?. Zwei Tage lang berichteten und diskutierten dort 170 Teilnehmende über neue Formen der Leistungsermittlung und -bewertung an Schulen (vgl. Beutel & Pant 2019). Kurz danach, im Juli 2018, erschien an der Universität Rostock eine kurze Pressemeldung über das Dortmunder Forum. Daraufhin lösten zwei Tageszeitungen mit provokanten Schlagzeilen eine mehrtägige öffentliche Debatte aus. Während die Ergebnisse einer spontanen Umfrage der Schweriner Volkszeitung zu „Schulnoten erst ab Klasse 9? sowie zahlreiche Leserbriefe die seit Jahrzehnten bekannte, enorm hohe Akzeptanz von Ziffernzensuren widerspiegelten, zeigte sich in einer zweitägigen Facebook-Debatte ein etwas anderes Bild: Dort wurde eine differenzierte Diskussion über das Für und Wider von Schulnoten geführt, in die nicht nur ein beachtliches Fachwissen aus Forschungen rund um die Leistungsbeurteilung einfloss, sondern auch erstaunlich viele Eltern wie Schülerinnen und Schüler über ihre Erfahrungen mit Schulen berichteten, die erst ab Klasse 8 Ziffernzensuren erteilen. Der Tenor: Wo die Noten nicht alles dominieren, geht es stärker um die Inhalte des Lernens und die Leistungsrückmeldungen werden konkreter und differenzierter, der Konkurrenzdruck lässt deutlich nach. Schulnoten polarisieren und das hat handfeste Gründe. Ihre nach wie vor hohe Akzeptanz bekommt Risse. Was, so fragt sich, treibt Schulen und Eltern an, der bundesweit gesetzlich verankerten Benotungspflicht zum Trotz notenfreie Räume zu nutzen, durch Schulversuche auszuweiten oder gar schulgesetzlich als Option zu fordern?
Kristallisationspunkt des Zielkonflikts der Schule
Die Institution Schule weist historisch gewachsen und rekonstruierbar einen strukturellen Zielkonflikt auf. Dieser macht die Brisanz von Schulnoten für alle Beteiligten aus. Als ein Ort des Lernens soll Schule zum einen Bildung ermöglichen und erziehen und ist zum anderen zugleich die Schaltzentrale des deutschen Berechtigungswesens. Gerade das aber macht ausgerechnet die Schule zu einem für das Lernen eher ungünstigen Ort. Warum ist das so? Durch die Verzahnung staatlich anerkannter Bildungsabschlüsse mit möglichen Berufswegen wird die Schule im Verlaufe des 19. Jahrhunderts zu einer Arena, in der darüber entschieden wird, zu welchem Spektrum der Berufe und welchen weiterführenden Bildungsangeboten ein Mensch, der in Konkurrenz zu anderen steht, Zugang erhält. Sie wird zu einer zentralen Instanz im Spiel der Statusverteilung und hat für den Einzelnen eine enorme (berufs-)biografische Bedeutung. Berufliche Positionen und sozialer Status werden nun vermeintlich „verdientermaßen und an die ebenso nur vermeintlich „individuelle Leistung gebunden. Die über diese Leistungen getroffenen Urteile werden numerisch dargestellt. Dadurch wird zweierlei suggeriert: Erstens, es herrsche Leistungsgerechtigkeit, und zweites, die Bewertung erfolge mathematisch präzise (vgl. Verheyen 2018). Die seit über 100 Jahren bekannte Tatsache, dass Zensuren Schätzurteile auf vorwissenschaftlichem Niveau sind, ihre Vergabe mit vielen Zufallsmomenten behaftet ist, Bewertungen im Schulalltag nicht hinreichend objektiv, valide und reliabel sind und über den Rahmen der Schulklasse hinaus nicht verglichen werden können, das gesamte Berechtigungswesen letztlich auf einer Fiktion beruht, hat ihrer Akzeptanz im öffentlichen Bewusstsein keinen Abbruch getan. Noten sind der Dreh- und Angelpunkt in der Schule. Sozialwissenschaftlich gibt es hierfür eine zweiteilige Erklärung: Die einen heißen Schulnoten wegen des Versprechens der...
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Fakten zum Artikel
aus: Schule leiten Nr. 19 / 2020

Schulqualität – Was heißt eigentlich gut?

Schuljahr 1-13