Nikola Poitzmann

Schule als sicherer Ort

Nikola Poitzmann

Schutzkonzepte gegen sexuelle Gewalt als Schulentwicklungsaufgabe, Teil 1*

Es war einmal ein alter Mann, der oft an einem Strand entlang spazierte. Nachdem es in der Nacht zuvor einen heftigen Sturm gegeben hatte, sah er eines Morgens in der Ferne ein Mädchen, das vorsichtig immer wieder etwas aufhob und ins Meer warf. Der alte Mann kam näher und rief: „Hey, was machst du da?
Das Mädchen richtete sich auf und antwortete: „Ich werfe Seesterne ins Meer zurück. Es ist Ebbe und die Sonne wird sie sonst verbrennen. Wenn ich sie nicht zurückwerfe, sterben sie.
Der Mann wandte sich erstaunt an das Mädchen: „Ist dir eigentlich klar, dass der ganze Strand voller Seesterne ist? Die kannst du unmöglich alle retten. Was du da tust, ändert nicht das Geringste!
Das Mädchen schaute den Mann einen Moment lang still an. Dann hob es den nächsten Seestern behutsam vom Boden auf und warf ihn ins Meer: „Für diesen wird sich etwas ändern. Ohne eine Antwort entfernte sich der Mann, wanderte nachdenklich weiter den Strand entlang. Vielleicht lag das Mädchen nicht so falsch mit dem, was es sagte oder tat
Diese Geschichte mag ungewöhnlich anmuten und doch lässt sich eine Brücke zum schulischen Umgang mit sexualisierter Gewalt an Schule ziehen. Sexualisierte Gewalt hat enorme Konsequenzen für betroffene Menschen, die sich im Hinblick auf das lebensbedrohliche erlittene Trauma daher selbst oft als „Überlebende bezeichnen. Als Reaktion auf dieses unangenehme Thema passiert es nicht selten, dass Erwachsene einfach wegsehen und nichts tun oder im Gegenteil – in Aktionismus verfallen. Beide Verhaltensweisen sind wenig unterstützend für Kinder und Jugendliche, denn gerade Letzteres führt oft zu unüberlegtem und emotionalem Handeln. Zudem können und wollen auch nicht alle von sexualisierter Gewalt betroffenen Menschen „gerettet werden.
Auf die Schule übertragen heißt das: Damit sich für viele „Seesterne etwas verändert, ist es weitaus hilfreicher, nachhaltiger und effizienter, innerhalb der Schulgemeinde Gelingensbedingungen zur Prävention von sexualisierter Gewalt zu schaffen sowie einen Interventionsplan für den Bedarfsfall zu entwickeln. Dies wäre dann in seiner Gesamtheit ein schulisches Schutzkonzept gegen sexuelle Gewalt. Noch genauer definiert ist unter einem Schutzkonzept ein passendes System von Maßnahmen zu verstehen, die für den besseren Schutz von Mädchen und Jungen vor sexualisierter Gewalt in einer Institution sorgen. Es schränkt Handlungsspielräume von Täterinnen und Tätern ein und vermittelt Fachkräften im Umgang mit Kindern und Jugendlichen Handlungssicherheit.
Ein schulisches Präventions- oder Schutzkonzept verfolgt folgende Ziele:
Die Schule soll nicht zum Tatort werden: Kinder und Jugendliche sollen vor sexueller Gewalt durch Erwachsene im schulischen Kontext oder durch Mitschülerinnen und -schüler geschützt werden.
Die Schule soll ein Kompetenz-ort sein: In der Schule sollen Mädchen und Jungen Hilfe finden, wenn sie im schulischen, aber auch im privaten Umfeld sexuelle Gewalt erleben (s. Kasten 1).
Kasten 1
Kasten 1
„Schulen sollten künftig das Aktionsfeld Nr. 1 der Prävention sein, denn nur dort können alle Kinder erreicht werden. Schutzkonzepte müssen in Schulen selbstverständlich werden
(Johannes-Wilhelm Rörig, Unabhängiger Beauftragter für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, 2014)
Die Ausgangslage
Schulen sind Orte, an denen durch die allgemeine Schulpflicht fast alle Kinder und Jugendlichen erreicht werden. Sexuelle Selbstbestimmung ist ein Grundrecht, das in Fällen des Missbrauchs gebrochen wird. Demnach sind Schulen verpflichtet, das Recht ihrer Schutzbefohlenen auf sexuelle Selbstbestimmung innerhalb der Institution zu schützen und gleichzeitig Schülerinnen und Schüler, die außerhalb der Schule Opfer sexueller Übergriffe werden, kompetent zu unterstützen. Dennoch sind Schulen im Gegensatz zu Kindertagesstätten und...

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Fakten zum Artikel
aus: Schule leiten Nr. 18 / 2019

Krisenmanagement – Kühler Kopf im Kollektiv

Friedrich+ Kennzeichnung Schuljahr 1-13