Oliver Meyer, Margarete Imhof

Pluriliterales Lernen

Oliver Meyer, Margarete Imhof

Vertiefte Lernprozesse anbahnen und gestalten

Wissenschaftliche Untersuchungen zum bilingualen Unterricht der 1990er und der frühen 2000er Jahre zeichneten ein überaus positives Bild dieses Ansatzes. Als einflussreichste Publikationen in Deutschland gilt sicherlich die DESI-Studie (2007), die bilingualen Schülerinnen und Schülern attestiert, ihren nichtbilingual unterrichteten Mitlernenden in gewissen sprachlichen Teilkompetenzen (v.a. beim Hörverstehen) und Fertigkeiten um bis zu eineinhalb Jahre voraus zu sein. Diese nahezu euphorische Interpretation wird durch neuere Studien stark relativiert. Rumlich (2016) gelingt der Nachweis, dass sich diese vermeintliche Überlegenheit weitestgehend auf umfangreiche Selektionsprozesse, erhöhte Stundentafeln und intensive methodische Schulung im Rahmen spezieller Vorkurse zurückführen lassen. Von besonderer Relevanz ist in diesem Zusammenhang die Studie von Vollmer (2008), der die sachfachliche Performanz in bilingualen und nichtbilingualen Schülern der 10. Klasse im Fach Geografie untersucht. Er gelangt zu dem ernüchternden Ergebnis, dass es keiner der beiden untersuchten Gruppen gelingt, ihr Fachwissen adäquat zu versprachlichen. Die Ergebnisse deuten ein Problem an, das in seiner Bedeutung weit über den eigentlichen Forschungsgegenstand bilingualer Unterricht hinausreicht: Wenn Lernende nur unzureichend in der Lage sind, fachliche Zusammenhänge angemessen zu erklären, legt dies den Schluss nahe, dass diese Zusammenhänge nicht vollständig verstanden wurden. Vertieftes Lernen scheint also häufig auszubleiben.
Was ist vertieftes Lernen?
2012 veröffentlichte der National Research Council der USA einen umfangreichen Forschungsbericht zum Thema „deeper learning. Vertieftes Lernen wird darin als die Fähigkeit definiert, erworbenes Wissen erfolgreich von einem Kontext auf den anderen zu übertragen. Vertieftes Lernen lässt sich damit über das Lernergebnis, nämlich erfolgreichen Wissenstransfer, definieren.
Der Bericht kommt allerdings auch im Hinblick auf den Prozess, der zu diesem Ziel führt, zu einem klaren Ergebnis: Wissenstransfer erfolgt in der Regel nicht über allgemeine Problemlösungsmechanismen, sondern bedient sich domänenspezifischer Methoden und Strategien. Vertieftes Lernen ist damit untrennbar mit Fachkultur, Fachmethoden und -inhalten verbunden.
Wenn Schülerinnen und Schüler dazu befähigt werden sollen, positiven bzw. erfolgreichen Wissenstransfer zu leisten, müssen sie vertieftes Wissen erwerben. Ein entsprechender Unterricht muss also so konzipiert sein, dass Lerner Fachwissen internalisieren und relevante Fertigkeiten und Strategien automatisieren können.
Vertieftes Lernen ist fach- und sprachgebunden
Die Suche nach Antworten auf die Frage, wie sich vertiefte Lernprozesse initiieren und gestalten lassen, führt unweigerlich zur Rolle der Sprache beim Wissensaufbau (s. Kastenauf S. 24). Für Mohan und Vertreter der systemisch funktionalen Linguistik ist Sprache das Werkzeug zur Aneignung von Weltwissen schlechthin. Fachliches Lernen ist damit immer auch sprachliches Lernen. Folgerichtig wird die Steigerung des Sinnstiftungspotenzials bzw. der Bedeutungsgenerierung der Lernenden (meaning making potential), zu einer zentralen Aufgabe schulischen Lernens.
Die Entwicklung von Sachfachliteralität, definiert als Beherrschung von Fachsprache (command over secondary discourse) und damit die Fähigkeit, sachfachliche Zusammenhänge zunehmend adäquat versprachlichen zu können, rückt damit in den Mittelpunkt von Unterrichtsplanung und -gestaltung.
Von entscheidender Bedeutung dabei ist, dass jedem sachfachlichen Handlungsfeld ein korrespondierendes sprachliches Genre zugeordnet werden kann (s. Tab.1). Der Aufbau und die Kommunikation von Fachwissen verhalten sich wie zwei Seiten einer Medaille und sind grundlegend für vertiefte Lernprozesse. Unser Modell trägt diesem Gedanken Rechnung, indem es diese beiden...

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Fakten zum Artikel
aus: Lernende Schule Nr. 80 / 2017

Vertieftes Lernen

Friedrich+ Kennzeichnung Schuljahr 1-13