Karl-Martin Ricker

NaWi und die Lebenswelt

Karl-Martin Ricker

Wie das Fach allgemeinbildend werden kann

Viele Lehrkräfte sträuben sich gegen das integrierte Fach Naturwissenschaften, da sie nicht dafür ausgebildet wurden. Doch gerade dieses Fach bietet die Möglichkeit, Schlüsselprobleme der Menschheit, wie etwa Klimawandel und Gerechtigkeit, mit hohem Lebensweltbezug für die Lernenden zu thematisieren und so zu naturwissenschaftlichen Grundbildung beizutragen.

Es gibt viele ernstzunehmende Gründe für die Abneigung gegen das Fach Naturwissenschaften. Lehrkräfte werden nicht dafür ausgebildet. Ihnen fehlen Kenntnisse in Fach und Fachdidaktik. Die Einführung des Faches wird verordnet, eine Mitbestimmung und Mitgestaltung ist kaum vorgesehen.
Vernetztes Denken lernen
Dabei fing es vor fast 30 Jahren ganz anders an. In etlichen Bundesländern wurden neue Gesamtschulen gegründet. Eltern und Lehrkräfte hatten sich längeres gemeinsames Lernen auf ihre Fahnen geschrieben. Es sollte eine Schule für alle sein, an denen alle Schulabschlüsse erreicht werden können. Jedes Kind sollte in seinen persönlichen Fähigkeiten und Fertigkeiten gefördert werden. Chancengleichheit wurde angestrebt. In der Schule sollte eine positive Lernatmosphäre herrschen mit mehr Kooperation und weniger Konkurrenz. Das Verstehen von Zusammenhängen und Wechselwirkungen über die Fachgrenzen hinaus sollte gefördert werden. Wolfgang Klafki1 forderte bereits 1985, die Schlüsselprobleme der Menschheit müssten im Sinne einer Allgemeinbildung in allen Fächern eine wichtige Rolle spielen: Frieden und Umwelt, Leben in der einen Welt, Technikfolgen, Demokratisierung, Gleichberechtigung und Menschenrechte. In der Auseinandersetzung mit diesen Themen sollte kognitives, soziales und emotionales Lernen miteinander verknüpft werden. Statt auf die Lernergebnisse wurde mehr Augenmerk auf die Lernprozesse gelegt. Die Lerninhalte sollten sich an den Interessen der Lernenden orientieren und deren Kompetenzen fördern. Lernen mit Kopf, Herz und Hand stand hoch im Kurs. Vernetztes Denken (Fredrik Vester) sollte es ermöglichen, die großen Probleme der Menschheit aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten, Ursachen und Zusammenhänge besser zu verstehen, um gemeinsam nach Lösungen zu suchen und diese auch handelnd anzustreben.
Diesen Ideen schlossen sich damals auch viele Lehrkräfte der naturwissenschaftlichen Fächer an. Nach dem Vorbild „Science in angelsächsischen Ländern erfanden sie das Fach „Integrierte Naturwissenschaften, kurz NaWi. In Kooperation mit dem Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften (IPN) in Kiel entwickelten sie sowohl ein didaktisches Konzept2 als auch Anregungsmaterialien für den Unterricht.3 In regelmäßigen, mehrtägigen Fortbildungen konnten sich die Lehrkräfte auf ihren Unterricht im neuen Fach intensiv vorbereiten. Gemeinsam entwickelten sie Unterrichtsideen und planten die Einbeziehung der Lernenden. Sie erprobten zahlreiche Schülerversuche, um auch im Unterricht naturwissenschaftliche Denk- und Arbeitsweisen fördern zu können. Bei der Themenwahl orientierten sie sich nicht mehr an der Fachsystematik der Einzelfächer, sondern gingen von komplexen Fragestellungen aus dem Alltag der Lernenden aus, um dann gemeinsam viele weitere Fragen mit mithilfe der Fachwissenschaften zu klären. Dieses Konzept ist bis heute an vielen Schulen fest implementiert. In den letzten zehn Jahren wurden beim Umbau der Schulsysteme vom drei- zum zweigliedrigen Schulsystem viele dieser Grundideen in die Schulprogramme übernommen. Auch an Gymnasien werden mit dem fachlichen Lernen die Kooperationsfähigkeit und die Entwicklung prozessbezogener Kompetenzen gefördert und das soziale Lernen spielt eine größere Rolle.
Die globalen Probleme der Menschheit sind leider in den letzten Jahren noch größer geworden. Klimawandel, Ausbeutung und Zerstörung großer Ökosysteme und das weltweite, dramatische Artensterben korrespondieren mit einer daraus resultierenden globalen Ungleichverteilung...
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Fakten zum Artikel
aus: Lernende Schule Nr. 87 / 2019

Allgemeinbildung

Schuljahr 5-10