Michael Otten

Mittelalter thematisieren

Michael Otten

Bildungsansprüche und -potenziale am Beispiel historischer Bildung im Sachunterricht

Die historische Perspektive ist eine von fünf zentralen Zugängen auf Lerngegenstände im Sachunterricht. Am Beispiel der Thematisierung von Mittelalter werden Bildungsansprüche und -potenziale historischer Bildung in der Grundschule verdeutlicht. Einem Bildungsverständnis folgend, welches sich auf Aufklärung, Mündigkeit und Urteilsbildung beruft, werden Zusammenhänge zwischen allgemeinen bildungstheoretischen Überlegungen und domänenspezifischen Zielsetzungen des Sachunterrichts verdeutlicht und Empfehlungen für die unterrichtspraktische Umsetzung gegeben.
Historisches Lernen ist curricular in der Grundschule verankert. Unterrichtsinhalte werden im Sachunterricht dezidiert aus historischer Perspektive betrachtet. Kinder werden bereits früh mit Geschichtsbildern und geschichtskulturellen Deutungen und Praktiken konfrontiert. Ziel der unterrichtlichen Thematisierung ist es, das alltagsweltlich geprägte Geschichtsbewusstsein anzureichern und auf ein reflektiertes Niveau zu heben, Geschichte zu deuten sowie historisches Denken zu fördern. Mithilfe von Geschichte zu lernen bedeutet, eigene und Handlungen anderer in Vergangenheit und Gegenwart in ihrer Kontextgebundenheit besser zu verstehen (vgl. Pleitner 2014, S. 7).
Bildungsanspruch
Der Bildungsanspruch im Sachunterricht schließt jedes Kind ein. Alle Schülerinnen und Schüler sollen historisch gebildet werden. „Um aber Geschichte denken und erzählen zu können, benötigt man ein komplexes Auffassungsvermögen, Lesekompetenzen, sowie Sprach- und Reflexionsfähigkeiten (Völkel 2017, S. 53 f.). Ausgehend von einem weiten Inklusionsverständnis sollen alle Kinder bildungswirksame Erfahrungen machen (können). Ein Schlüssel kann daher in kultureller Teilhabe und der Einbindung in die historische Erzählung liegen (vgl. ebd.).
Lernprozesse im Sachunterricht beziehen sich auf grundlegende Bildung der Persönlichkeit und den Aufbau von Kompetenzen, die für eine nach Maßgabe kultureller Strukturen und Normen selbstbestimmte Lebensführung und für die Bedürfnisse zivilisatorischer Weiterentwicklungen erforderlich sind. Bildung schließt Kompetenzen explizit ein (vgl. Köhnlein 2012, S. 243). Es geht nicht um die Erarbeitung eines festen Inhaltskanons mit abfragbarem Wissen, sondern um eine interessengeleitete Erschließung von historischen Phänomenen. Diese Auseinandersetzung führt auch zu Sachwissen, ist aber nicht vorderstes Ziel. Begriffe wie Mittelalter, Stadt, Burg, Ritter, Stände, Handwerk etc. werden dementsprechend als dienende Elemente eines reflektierten historischen Denkens eingesetzt (vgl. von Reeken 2014, S. 105).
Der Sachunterricht nutzt pädagogisches und fachliches Wissen seiner Bezugsdisziplinen und kommt dabei zu neuen Fragestellungen, die weder von der Pädagogik noch von Fachwissenschaften allein bearbeitet werden. Für die Lernenden bedeutet das zunächst eine Orientierung in der Welt der sie umgebenden Phänomene, die grundlegend für (weiterführendes) Lernen und Verstehen sind. Die Auswahl der Lerninhalte begründet sich vornehmlich durch drei konstituierende Auswahlprinzipien: Zugänglichkeit, Bedeutsamkeit und Ergiebigkeit (vgl. Köhnlein 2012, S. 19 u. 28).
Exemplarität im Sachunterricht
In der Lebenswelt der Kinder sind zahlreiche direkte und indirekte Spuren mittelalterlicher Geschichte präsent. Das Mittelalter scheint interessant, mystisch, attraktiv und dunkel. Dabei werden sowohl realistische geschichtliche Deutungen als auch Stereotype und Klischees sichtbar. Für das Kriterium der Zugänglichkeit gibt es gute Argumente. Kinder sind Teil der Inszenierung des populären Mittelalters. Sie besuchen Mittalaltermärkte und Ritterspiele, lesen Kinderbücher mit historischen Bezügen, nutzen Spielzeug (z.B. eine mittelalterliche Burg), schauen Filme und Fernsehserien und konsumieren Computerspiele. Mittelalterliches ist ggf. in der (un-)mittelbaren Nähe...
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Fakten zum Artikel
aus: Lernende Schule Nr. 87 / 2019

Allgemeinbildung

Schuljahr 1-6