Tobias Stricker, Sven Wippermann, Iris SchmidbergeR

„Luftnummer“ oder vielversprechender Trend?

Tobias Stricker, Sven Wippermann, Iris SchmidbergeR

Agilität in der Schulentwicklung

Um Schule zukunftsfähig zu machen, bedarf es mehr denn je großer Anstrengungen möglichst aller Beteiligter. Agile Handlungsweisen versprechen für die Arbeit an Schulentwicklungsprozessen dabei flexiblere und auch schnellere Reaktionen auf Veränderungen. Aus der Kreativwirtschaft oder Softwarebranche kommend, werden diese zunehmend auch im Schulkontext diskutiert. Aber weist Agilität in der Schulentwicklung überhaupt Neuigkeitscharakter auf? Führen Agilität und dahinterstehende Vorgehens- und Denkweisen bei schulischen Herausforderungen zu einem zielgerichteten und damit sehr wahrscheinlich erfolgreichem Handeln? Welchen Stellenwert hat Agilität im Kontext von Schulentwicklung?
Was ist Agilität überhaupt und was nicht?
Seit einiger Zeit wird dem Thema Agilität mit all seinen Facetten in der Schulentwicklung verstärkt Beachtung geschenkt, wie verschiedene Beiträge zeigen (vgl. z.B. Erlinghagen 2020, Huber 2019: Jankowski 2019, Wippermann et al. 2020a/b). Da es hierzu im deutschsprachigen Raum nahezu keine belastbaren Forschungsergebnisse gibt, stellt sich in einer ersten Auseinandersetzung die eher theoretische Frage, ob dieses Thema eine vorübergehende Mode und letztlich eine „Luftnummer darstellt oder tatsächlich als vielversprechender Trend taugen kann, um dauerhaft Anwendung im Kontext von Schulentwicklung zu finden.
Wenn es nach dem Soziologen und Organisationsberater Stefan Kühl geht (vgl. zum Folgenden Weilbacher 2017), ist Agilität im Unternehmenskontext eine Banalität und die Prinzipien der Agilität sind alles andere als neu. So führt Kühl aus: „Schon 1970 hat der Zukunftsforscher Alvin Toffler gesagt, dass aufgrund der Dynamik in der Umwelt die flexible Firma notwendig ist. 1980 spielte dann der Begriff des ,innovativen Unternehmens eine große Rolle, dann kam 1990 ,die lernende Organisation. [] Alle zehn Jahre wird eine neue Begriffssau durchs Management-Dorf gejagt und das ist jetzt die ,agile Organisation‘“ (Weilacher 2017). Insbesondere die lernende Organisation ist vom Verständnis her eng mit Schule und Schulentwicklung verbunden.
Für die Organisation Schule und den Bereich der Schulentwicklung sollte diese Ansicht jedoch nicht gleich 1:1 übernommen, sondern etwas differenzierter betrachtet werden. So ist zunächst einmal sinnvoll zu klären, was sich hinter dem Begriff „Agilität im Kontext einer Organisationstheorie überhaupt verbirgt (vgl. Brückner & von Ameln 2016, Erlinghagen 2020, Fischer 2016).
Agilität als Konzept steht dabei für ein „Idealprinzip der Organisationsgestaltung (Brückner & von Ameln 2016, S. 383) bzw. als „höchste Form der Anpassungsfähigkeit (Fischer 2016). Quasi ausschlaggebend für die Qualität der Agilität sind dabei folgende vier Aspekte (vgl. Fischer 2017): Geschwindigkeit, Anpassungsfähigkeit, Kundenzentriertheit und Haltung.
Der Führungskräfte-Coach Robert Erlinghagen (vgl. Erlinghagen 2020, S. 182 f.) weist darauf hin, dass Schulen bereits agil sind und Merkmale aufweisen, die sich Unternehmen mitunter erst erarbeiten müssen:
  • Schulentwicklung findet in aller Regel bei laufendem Motor statt;
  • kurzfristiges Reagieren auf Veränderungen ist Alltag;
  • das Personal, nämlich die Lehrkräfte, arbeiten in einem hohen Maße eigenverantwortlich und individualisiert.
Jedoch weist er auch auf Grenzen im Sinne eines fehlenden systematischen Zusammenspiels der Gelingensfaktoren hin, die Schulentwicklungsprozesse im Umkehrschluss nicht selten gefährden oder scheitern lassen:
  • Events anstelle von Prozessen [], deren Vorbereitung und Rückkopplung in den Alltag nicht klar geplant ist,
  • immer wieder neue Projekte mit der Euphorie und dem Zauber des Anfangs und Frustration durch Versandungen aufgrund mangelnder struktureller Verankerung,
  • eine Art Verweigerung der Nutzung von Handwerkszeug [] zur Vermeidung von Verbindlichkeit,
  • unklare Rollen und Verantwortlichkeiten.
M...

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Fakten zum Artikel
aus: Lernende Schule Nr. 90 / 2020

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