Die Aufnahme „abgeschulter“ Jugendlicher gestalten

Nicht alleine lassen!

Immer wieder wechseln Jugendliche, die im Gymnasium oder der Realschule nicht zurechtkommen, in eine andere Schulart. Aber nicht automatisch können sie dort besser lernen. Andere Fächer und andere Anforderungen einerseits, mangelndes Vertrauen in eigene Lernfähigkeiten und fehlende Selbstorganisation andererseits können den Übergang erschweren. Wie individuelles Lerncoaching Abhilfe schaffen kann, erfahren Sie hier.

Ein Schild mit der Aufschrift "Bitte Ruhe" steht während der Abschlussprüfung der Realschulen im Fach Deutsch in der Kultur- und Sporthalle, dem Prüfungsraum der Michel-Buck-Gemeinschaftsschule.
Ein Schild mit der Aufschrift "Bitte Ruhe" steht während der Abschlussprüfung der Realschulen im Fach Deutsch in der Kultur- und Sporthalle, dem Prüfungsraum der Michel-Buck-Gemeinschaftsschule. Foto: Thomas Warnack/Verwendung weltweit

„Abschulung“ heißt in einigen Bundesländern der Übergang von Schülerinnen und Schülern innerhalb des mehrgliedrigen Schulsystems. Wenn also jemand vom Gymnasium in eine andere Schulart, z. B. Real- oder Mittelschule, wechselt. Damit dieser Übergang gelingt, sollte die aufnehmende Schule die neuen Lernenden sorgfältig begleiten. In meiner bisherigen Zeit als Mittelschullehrerin und Schulpsychologin begleitete ich viele Jugendliche bei einer Abschulung. Manche dieser jungen Menschen scheiterten nach ihrem Wechsel dann auch an der Mittelschule, obwohl hier die inhaltlichen Anforderungen vermeintlich so viel geringer sind. Am Beispiel des Schülers Alexander werden Gelingensfaktoren eines solchen Wechsels von der Realschule an die Mittelschule aufgezeigt.

Nur ungern verließ er seine Klasse, in der er sozial gut eingebunden war. Da seine Noten am Ende der 6. Klasse der Realschule zu schlecht waren, um zu bestehen, wechselte er nah einer Schnupperwoche in die 7. Klasse eine Mittelschule.

Regelmäßige Feedback-Gespräche

Tägliche Reflexionsgespräche mit der Klassenleiterin zeigten: Alexander fühlte sich während der Schnupperwoche wohl und angenommen. Zusammen mit seinen Eltern entschied er sich für den Schulwechsel. Und ab Beginn der 7. Jahrgangsstufe besuchte Alexander schließlich als regulärer Schüler die Mittelschule. Die Klasse bekam eine neue Klassenlehrerin. In den ersten Schultagen des neuen Schuljahres erfuhr Alexander in verschiedenen Teamspielen noch etwas mehr über alle Mitschülerinnen und Mitschüler.

Die Klassenlehrerin unterrichtete verschiedenen Fächer und war damit in der Woche 19 Stunden in dieser 7. Klasse eingesetzt: viel gemeinsame Zeit, um eine tragfähige Lehrer-Schüler-Beziehung aufzubauen, die Jugendlichen in verschiedenen Themenfeldern zu erleben. Alexander tat es gut, dass er sich auf Routinen verlassen konnte.

Lernende Schule Nr. 89/2020 Übergänge

Übergänge bieten Chancen und Risiken. Beispiele aus der Praxis zeigen, wie Kooperationen mit anderen Institutionen und auch Eltern dazu beitragen können, die Übergänge zu erleichtern.

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Wie ist der Leistungsstand?

Die Klassenlehrerin machte sich in allen Hauptfächern ein Bild vom Leistungsstand der einzelnen Schülerinnen und Schüler. Bei Alexander wertete sie die qualitative Lernstandsdiagnostik besonders sorgfältig aus, weil sie wissen wollte, in welchen Themenfeldern er Stärken und Schwächen hatte. Wo sich die Lehrplananforderungen der Realschule und der Mittelschule unterschieden, hatte er Nachholbedarf. Im Elterngespräch schlug die Klassenlehrerin konkrete Schritte vor, wie Alexander diese Themenbereiche inhaltlich aufarbeiten konnte. Gemeinsam mit dem Jungen wurde deshalb festgelegt, was er bis wann nachholen und üben sollte und wo er Unterstützung bekommen konnte.

Alexanders Arbeitsverhalten schwankte allerdings stark. Auch fiel auf, dass er sich in der mündlichen Mitarbeit oft deutlich stärker zeigte als in schriftlichen Leistungsnachweisen. Er war einverstanden, zur Unterstützung ein individuelles Lerncoaching bei der Schulpsychologin zu besuchen. Dort trainierte er beispielsweise, sich zu strukturieren und zu organisieren, sich systematisch auf Leistungsnachweise vorzubereiten, sich einen realistischen Zeitplan vorzunehmen und diesen dann mit Helfern, wie einem Mitschüler oder den Eltern, durchzuziehen. Begonnen wurde mit kleinen Schritten in einem ausgewählten Fach.

Neue Motivation durch passgenaues Lerncoaching

Da im Lerncoaching an konkreten Unterrichtsinhalten gearbeitet wurde, investierte Alexander diese Zeit gerne und erntete rasch Früchte. Die ersten stärkeren Noten beflügelten ihn, motiviert nahm er sich weitere Ziele vor, die er schaffen wollte Nach zwei Jahren der häufigen Misserfolge fühlte er sich nun mit diesen kleinen Erfolgen wieder sehr wohl. Langsam wich das Gefühl der Hilflosigkeit. Er spürte wieder, dass er seinen Schul­erfolg selbst mitgestalten kann. Für sein schulisches Selbstkonzept waren für ihn zu bewältigende Anforderungen wichtig. Er fühlte sich wohl und konnte ohne Angst oder Druck lernen.

Alexander fand schnell Anschluss an seine neue Klasse, er kam mit den Mitschülern und Mitschülerinnen gut aus und verhielt sich angemessen. Andere Schulartwechsler und –wechslerinnen zeigen auffälliges Verhalten gegenüber anderen Schülerinnen und Schülern und auch Erwachsenen. Diese Jugendlichen sollten vor allem im Bereich der Verhaltensmodifikation eng begleitet, die Interventionen je nach Gegebenheiten vor Ort zwischen Schulleitung, Klassenlehrkraft, Schulberatung und Erziehungsberechtigten abgesprochen werden.

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Individuelles Lerncoaching ermöglicht einen echten Neuanfang

Für einen erfolgreichen Neuanfang an der Mittelschule stellt Schule entscheidende Weichen und macht Angebote. Inwiefern die Lernenden diese jedoch anzunehmen vermag, ist von vielen Faktoren abhängig. Aufgabe der aufnehmenden Mittelschule ist es, ihm oder ihr einen echten Neuanfang zu ermöglichen und passgenaue Unterstützung zum Lernstand und zu Verhaltens- sowie Persönlichkeitsaspekten zukommen zu lassen. Dafür gibt es kein Patentrezept. Ganz entscheidend ist die Haltung – die der Klassenlehrkraft und die der Mitschülerinnen und Mitschüler dem oder der „Neuen“ gegenüber.

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Silvia Glaser ist als Schulpsychologin/ Lehrerin im Schulamt Schweinfurt tätig.

Fakten zum Artikel
Lernende Schule Nr. 89/2020 Übergänge

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