Nadja Kulig

Integration als Weg

Nadja Kulig

Sechs Gedanken, extrahiert aus 25 Jahren Erfahrung

Klara und Maja1 treffen sich morgens auf dem Schulhof und nachdem ihr gemeinsamer Weg sie in die Garderobe führte Klara nimmt den Fahrstuhl und Maja die Stufen im Treppenhaus, um in ihren Klassenraum zu gelangen. Jeden Morgen findet ein kleiner Wettbewerb statt, wer zuerst seinen Platz im Klassenzimmer erreicht hat. Die beiden Mädchen sind befreundet und lernen in der gleichen Klasse. Sie mögen beide Stracciatella-Eiskrem, Shetlandponys und Glitzerhaarklemmen. Doch damit hören die Gemeinsamkeiten schon fast auf. Denn Maja fährt außerdem gern Inlineskates und turnt im Verein, während Klara jeden Mittwoch zum Rollstuhltanz geht. Maja ist im 3. Schuljahr und Klara lernt in der 2. Klasse. Dennoch arbeiten sie in den ersten drei Stunden an jedem Schultag in ihrem Klassenraum gemeinsam an ihren Themen.
Maja und Klara lernen mit ca. 170 anderen Kindern an einer integrativen evangelischen Reformgrundschule in Halle/S., die nach den Prinzipien Maria Montessoris arbeitet. In acht jahrgangsgemischten Klassen lernen jeweils 20 bis 22 Kinder, von denen ca. drei in jeder Klasse besondere Lern- und Unterstützungsbedürfnisse haben. Sowohl in der vormittäglichen Freiarbeit als auch im jahrgangshomogenen Fachunterricht (z.B. Musik, Englisch, Ethik, Werken ), der nach der Hofpause die Zeit bis zum Mittagessen ausfüllt, lernen alle Kinder (mit und ohne Förderbedarf) mit- und voneinander.
Damit gemeinsames Lernen wie im genannten Beispiel gelingen konnte und auch weiterhin gelingt, musste unsere Schule einen weiten, nicht immer einfachen Weg gehen. Sechs Gedanken, die auf diesem Weg wichtig waren und auch zukünftig wichtig bleiben, wollen wir im Folgenden kurz skizzieren:
1. Inklusion müssen alle wollen!
Aktuell werden immer häufiger Stimmen laut, dass die Integration/Inklusion von Kindern mit besonderen Lernbedürfnissen an den regulären Grund- und Sekundarschulen gescheitert sei. Nicht nur in Lehrerforen tauschen sich Pädagogen darüber aus, welche Zumutungen der gemeinsame Unterricht an vielen Stellen im Schulalltag darstellt. Selbst in Elternverbänden wird der Ausbau des Förderschulsystems wieder gefordert, da die Eltern die Potenziale ihrer Kinder an den Regeschulen nicht adäquat berücksichtigt sehen. Der Kultusminister des Landes Sachsen-Anhalt erklärt die Idee, dass alle Kinder dieselbe Schule besuchen könnten, zu einer „Überinterpretation der UN-Behindertenrechtskonvention. Eine individuelle Förderung von Kindern mit Behinderung sei an Förderschulen oft besser möglich, bekräftigte Marco Tullner am 8. Januar 2018 gegenüber der Tageszeitung „Volksstimme. Dessen ungeachtet hält unsere Schule am gemeinsamen Unterricht seit nunmehr 25 Jahren fest und zahlreiche Erfahrungen und Erlebnisse, wie die anfangs beschriebene Freundschaft der beiden Mädchen, bestärken uns auf diesem Weg.
Als erster und eigentlich wichtigster Gedanke ist also zusammenzufassen: „Gemeinsames Lernen muss gewollt sein.Die schönsten politischen oder schulprogrammatischen Zielsetzungen bleiben leblos oder lassen die Integration/Inklusion scheitern, wenn sie nicht von der Schulleitung, dem gesamten Kollegium wie den Eltern und natürlich den Schülerinnen und Schülern selbst mitgetragen wird.
2. Inklusion braucht Ressourcen
Zur Umsetzung unseres integrativen Anspruches werden in unserer Schule immer zwei Klassenlehrerinnen von einer Förderschullehrerin unterstützt und für jeweils vier Klassen steht eine pädagogische Mitarbeiterin zur Verfügung, die sowohl spontan als auch fest eingeplant in bestimmten Situationen unterstützend zur Seite steht. Für Kinder mit Teilleistungsstörungen (Legasthenie, Dyskalkulie, Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom) gibt es zusätzlich zur regulären Stundentafel sogenannte Förderstunden. Während dieser arbeitet eine Förderschullehrkraft mit einer kleinen Gruppe von Kindern (unter Umständen auch mit einem einzelnen Kind) am Erwerb von Strategien,...

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Fakten zum Artikel
aus: Schule leiten Nr. 16 / 2019

Eine für alle – Inklusive Schule

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